„Ich hoffe das Beste, aber ich befürchte das Schlimmste“

Experte warnt: Timmy-Rettungsversuch könnte „tragisch enden“ – auch für die Helfer

Der geplante Transport von Buckelwal Timmy in einer Barge ist aus Sicht von Meeresbiologe Fabian Ritter ein riskantes Experiment.

Drei Helfer stehen um Timmy herum.
Timmys Schicksal wird sich schon bald entscheiden. Foto: IMAGO / SNS UG
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Der Versuch, Buckelwal Timmy aus der Ostsee zu bringen, wird von einem Experten mit großer Skepsis betrachtet. Meeresbiologe Fabian Ritter hält den geplanten Transport in einem Lastkahn für hochriskant und sagt über das Vorhaben: „Ich hoffe das Beste, aber ich befürchte das Schlimmste“. Für ihn ist klar, dass der Wal extrem kooperativ sein müsste, damit die Aktion überhaupt funktionieren kann.

Besonders problematisch sei, dass die Reaktion des Tieres nicht vorhersehbar ist. Der Plan sieht vor, Timmy auf ein Netz zu legen und die Seiten leicht anzuheben, damit er nicht mehr fliehen kann. Ritter warnt jedoch, der Wal ahne nicht, was auf ihn zukommt: Wenn das tonnenschwere Tier in Panik gerate, könne es für den Wal und die Helfer „tragisch enden“.

Warum der Lastkahn riskant ist

Der geplante Transport wird zwar als Reise in einem „schwimmenden Aquarium“ beschrieben, doch Ritter hält genau diese Formulierung für irreführend. In der Barge könne der Wal nicht frei schwimmen, sondern liege in einer Art fixierenden Trage. Das bedeute Stress für die Muskeln, die bei längerer Bewegungslosigkeit übersäuern könnten.

Hinzu kommt aus seiner Sicht die enorme Lärmbelastung. Wird die Barge von einem Schubschiff bewegt, müsse Timmy tagelang dröhnenden Motorenlärm ertragen. Ritter vergleicht das mit einem Menschen, dem man dauerhaft einen grellen Scheinwerfer ins Gesicht hält, und erinnert daran, dass Wale in erster Linie über den Schall leben. Sollte das Gehör Schaden nehmen, könne das Tier orientierungslos und hilflos werden.

Ein geschwächter Wal

Die Sorgen des Fachmanns hängen auch mit Timmys Vorgeschichte zusammen. Der Buckelwal befindet sich seit Wochen in einer Notlage, hat sich mehrfach selbst gestrandet und gilt als traumatisiert. Laut Ritter ist nicht einmal sicher, ob er überhaupt noch Nahrung aufnehmen kann. Auch die angebotenen Makrelen seien kaum mehr gewesen als ein Test, denn für einen Buckelwal seien wenige Kilo Fisch ungefähr so viel wie ein halber Teelöffel Reis für einen Menschen.

Besonders kritisch sieht Ritter auch den medizinischen Umgang mit dem Tier. Zwar sei von einer Nährstofflösung über einen Schlauch berichtet worden, doch ob das geholfen habe, sei völlig unklar. Von einer seriösen Untersuchung könne kaum die Rede sein, wenn weder Blutwerte noch Atemluft oder Hautproben erhoben worden seien. Genau solche Daten wären wichtig, um etwa Viren, Bakterien oder den Stresshormonlevel zu bestimmen.

Zweifel an der Rettung

Ritter stellt sogar die Frage, ob Timmy überhaupt „gerettet“ werden muss, wie es die Initiative darstellt. Er hält es für möglich, dass der Wal sich nicht zufällig, sondern wegen seiner Schwäche immer wieder in ähnlicher Position an den Strand gelegt hat. Für ihn spricht vieles dafür, dass das Tier aktiv Orte sucht, an denen es nicht zu viel schwimmen muss und das Blasloch trotzdem über Wasser halten kann.

Auch der Gedanke, den Wal dann im Atlantik einfach wieder freizulassen, überzeugt ihn nicht. Wale ertrinken zwar nicht im klassischen Sinn, erklärt Ritter, sie ersticken aber, wenn sie nicht mehr an die Oberfläche gelangen. Ein geschwächter Wal könne im offenen Meer also einfach untergehen und qualvoll verenden. Deshalb sei es ein Irrtum zu glauben, jeder technische Rettungsversuch sei automatisch die bessere Lösung.

Kritik an der Baggerschaufel – und an Till Backhaus

Besonders schockiert zeigt sich Ritter über Berichte aus einer NDR-Doku, in der ein Bagger den Wal angestupst haben soll. Die dabei sichtbare rote Wolke im Wasser interpretiert er als Blut und damit als Hinweis auf eine erhebliche Verletzung. Für ihn ist unverständlich, wie man auf die Idee kommen könne, ein tonnenschweres Tier mit einer Baggerschaufel zu reizen.

Der Meeresbiologe kommt deshalb zu einem klaren Schluss: Nicht alles, was technisch machbar ist, sei auch vertretbar. Er plädiert dafür, den Wal in Ruhe und der Natur ihren Lauf zu lassen, statt immer neue Maßnahmen auszuprobieren. Vielleicht, so Ritter, finde Timmy sogar von allein wieder zu Kräften und schwimme aus der Ostsee hinaus.

Trotz aller Kritik lenkt Ritter den Blick auch auf das größere Bild. Timmy sei nur ein einzelnes Opfer unter schätzungsweise 300.000 Walen und Delfinen, die jedes Jahr als Beifang in Netzen sterben. In der Ostsee gebe es Tausende Kilometer Stellnetze, die sogar in Meeresschutzgebieten legal ausgebracht werden dürften. Und für die Existenz dieser Netze ist Ritters Meinung nach vor allem ein Mann verantwortlich: Till Backhaus.

Quellen

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