Ist es der Tod, der uns das Leben kostet?Leben mit dem Tod: Wie man in jedem Ende auch etwas Gutes sehen kann

Der Tod, das Sterben und die Trauer sind Themen, denen wir uns nicht gerne nähern. Dabei gehört zum Leben unweigerlich der Tod dazu. Es kommt die Zeit, in der wir uns alle damit auseinandersetzen müssen. Diese Geschichte zeigt, wie man sich dem Tod freundschaftlich nähern - und sogar aus ihm lernen - kann.

Inhalt
  1. Eine kleine Geschichte über den Tod
  2. Wie können wir lernen, in Frieden zu gehen?
  3. Um mit dem Tod zu leben, muss man ihm begegnen
  4. Was wir vom Tod lernen können
  5. Wieso wir den Tod in unser Leben einladen sollten

 

Eine kleine Geschichte über den Tod

Er hatte kein schönes Leben, zumindest kam es mir so vor.

Wie oft saß er betrunken und zerknittert bei mir und ich habe versucht Ordnung in sein Chaos zu bringen. Es war vergeblich. Zwar schätzte er meinen Beistand, aber meine Vorschläge etwas zu verändern, verpufften irgendwo zwischen dem Moment, als meine Gedanken sich zu Worten formten und meinen Mund verließen, und dem Moment, wo sie in die Tat hätten umgesetzt werden müssen.

Nichts geschah, so dass ich fest damit rechnete, dass er nicht alt werden würde. Ich ging davon aus, dass er sich eines Tages, wenn die Nebel der Traurigkeit in seinem Inneren auch vom letzten Winkel Besitz ergriffen hätten, umbringen würde.

Es war nicht der Alkohol, der ihn tötete

Denn der Alkohol war war nur ein Freund, der ihm manche friedliche Stunde des Vergessens schenkte, wenn die Vergangenheit, die immer wieder mit fauligen Fingern nach ihm griff, ihn mal wieder nicht losließ.

Sein Vater ließ sie im Stich, als eine neue Frau in sein Leben trat, die ihm wichtiger war. Seine Mutter suchte sich aus Verzweiflung nach einiger Zeit auch einen Neuen, der weder für sie noch für die Kinder eine gute Wahl war. Er stank nach zu viel Schnaps und Zigaretten, und den Geruch, wenn er ihm oder der kleinen Schwester zu nahe kam, würde er nie vergessen.

Seine eigene Frau, mit der er eine Tochter hatte, ließ ihn irgendwann zurück, um sich von seiner Schwermut nicht mit in den Abgrund reißen zu lassen.
Seine Tochter wurde genauso, wie man werden kann, wenn die eigene Familiengeschichte zerrissen wird: Rebellisch, schwer erziehbar, depressiv, kaum belastbar und mit ihm in einer symbiotisch kranken Beziehung, in der man weder mit noch ohne einander leben konnte.
Für ihn war sie seine Prinzessin, der er ein Vater weit besser als sein eigener sein wollte. In der Pubertät war er nicht mehr für sie, als einer, bei dem sie Unterschlupf fand.

Es waren auch nicht die Zigaretten, die ihn töteten

Die Zigaretten waren für ihn zusammen mit dem Alkohol ein Genussmittel und eine Ersatzbefriedigung - und auch die Antidepressiva waren es nicht, die ihn töteten.

Nein – alle diese Dinge waren es nicht, die sein Leben – oder seine Qual – mit Anfang sechzig beendeten

Plötzlich tauchte der Krebs auf

Der Krebs griff so erbarmungslos schnell um sich, dass die Frage nahe lag, ob er aus dem Kummer und dem Leid in seinem Inneren gespeist und beschleunigt wurde.
Er bekam eine diffuse Diagnose und schneller als er sich an die Tatsache gewöhnen konnte, krank zu sein, musste er auch schon Abschied nehmen.

trauer bewaeltigen
Auch wenn es unmöglich scheint: Es ist wichtig, die Trauerphasen zu durchleben. 
Foto: iStock
 


Wie können wir lernen, in Frieden zu gehen?

Auf seinem Weg aus diesem Leben hinaus, hatte er die Chance, sich mit allen zu versöhnen, die ihn in den Jahren zuvor Richtung Abgrund trieben.

Da erschien seine Exfrau und reichte ihm die Hand, die er nahm. Die beiden kamen sich als Eltern der erwachsenen Tochter noch einmal so nah, wie sie es auch in all den Jahren schon hätten sein können.
Seine Schwester kam. Jahrelang hatte sie den Kontakt gemieden, da ihr Bruder sie an das alte und verhasste Leben erinnerte - aber jetzt überwand sie für ihn ihren Wunsch zu vergessen.
Seiner Mutter, der er zeitlebens den widerwärtigen Stiefvater nicht verzeihen konnte, näherte er sich über Erinnerungen, Briefe und Tagebücher noch einmal an. Er gab den Groll auf.

Das komplizierte Verhältnis zwischen ihm und seiner Tochter trat ebenfalls in den Hintergrund. Sie holte ihn in den letzten Wochen aus dem Krankenhaus nach Hause, zog bei ihm ein und pflegte ihn. Am Anfang dachten beide noch, es ginge um ein „Gesundpflegen“, mit der Zeit wurde ihnen klar, dass es nur noch ein „Pflegen in den Tod“ war.  Das erste Mal in ihrer Beziehung begegneten sie sich ohne all die Konflikte, die sonst an ihnen hingen und da war nur die Liebe der Tochter zum Vater und umgekehrt.

Die bisher so lebensunfähige Tochter bekam Flügel, so groß und so stark, dass sie ihn und sich selbst durch diese Monate tragen konnten. Sie saß bis zur letzten Minute am Bett ihres Vater. Schlussendlich hatte sie sogar die Kraft ihm zu sagen, er solle gehen und loslassen, es wäre alles geklärt zwischen ihnen.

Seinem eigenen, längst toten Vater, der ihn vor Jahrzehnten verraten hatte, begegnete er auf der letzten Schwelle vor dem Tod. Sein Bewusstsein war schon nicht mehr in unserer Welt, uns hörte er nicht mehr und sprach auch nicht mehr mit uns, aber mit seinem Vater redete er. Er rief ihn und sein Körper krampfte und zuckte, bis auch in diesen Konflikt Frieden einkehrte und er ganz ruhig wurde.

 

Um mit dem Tod zu leben, muss man ihm begegnen

Ich sah sie erst wieder, als er schon zwölf Stunden tot war.

Er lag noch immer in seinem Bett, die Hände gefaltet und Blumen im Schoß. Die Haut war sehr weiß und ein bisschen wächsern. In den ersten Momenten wartete ich darauf, dass er die Augen aufschlagen würde, dann gewann langsam die Erkenntnis Raum, dass das nicht passieren würde.

Ich erinnerte mich an alte und längst verdrängte Totentraditionen. Tote blieben früher immer noch einige Zeit im Kreise ihrer Lieben, in ihren Häusern oder Wohnungen, damit die Seele ihre Reise in Ruhe antreten konnte und ein Jeder die Möglichkeit bekam, sich noch einmal zu verabschieden.

Ich betrachtete meinen toten alten Freund und sah wie er sein ganzes Leben gehetzt und immer vor seiner Vergangenheit davon gelaufen war. Jetzt im Tod kehrte das erste Mal Ruhe ein. Nichts und niemand bedrängte ihn mehr, nichts konnte ihm mehr Angst machen, alles was ihm ein Leben lang wehtat, hatte aufgehört zu schmerzen.

Er lag da und ich spürte förmlich, wie seine Seele langsam den Körper verließ, um im Raum mit uns zu schweben. Nichts zerrte und zog mehr. Weder an ihm, noch an uns.

Es herrschte Frieden. Nach 60 Jahren das erste und wohl anhaltendste Mal in seinem Leben!

Diesen Frieden hatte ihm seine Tochter geschenkt, die entgegen aller Erwartungen die Kraft aufbrachte, ihren Vater auf diesem letzten Weg zu begleiten.

Leben mit dem Tod
Der Tod ist besser zu verkraften, wenn wir Menschen auf dem letzten Weg begleiten, statt uns zu fürchten.
Foto: iStock

Wir alle verdrängen, uns mit dem Tod geliebter Menschen auseinanderzusetzen, weil uns der Verlust zu sehr ängstigt. Den eigenen Tod wiederum nehmen wir meistens einfach nicht ernst.

Dabei ist Sterben ein Prozess, der zum Leben gehört. Wenn wir keine Chance haben, diesen Prozess von Anfang bis Ende zu begleiten, werden wir zeitlebens das Gefühl haben, etwas sei uns ausgerissen worden. Wir vermissen den Toten immer auf eine krampfhafte Art, weil wir nicht mitbekommen haben, auf welche Art er gegangen ist. Und nichts tut so weh, wie ein Loch, dass in uns gerissen worden ist. Dieses Loch ist eine brennende, klaffende und schmerzende Wunde, wie ein Stück verbrannte Erde, auf dem nie etwas anderes wachsen und gedeihen wird.

Die Menschen, die wir auf ihrem Weg hinausbegleiten, können wir besser gehen lassen, da wir ihnen die Türe geöffnet haben. Sie werden uns genauso fehlen, aber wir können an sie in Ruhe, Liebe und Frieden denken und nicht mit Schmerz und voller Zerrissenheit.

 

Was wir vom Tod lernen können

Diese Nachricht, so klar wie sie ist, trifft uns mit unglaublicher Härte.

Warum eigentlich? Warum fangen wir nicht endlich an mit diesem Bewusstsein zu leben?

Wir sollten der Zeit, die wir haben, mehr Inhalt und Qualität verleihen. Die Menschen, die uns begleiten, mehr wertschätzen und lieben. Der Umwelt, die uns umgibt, mehr Respekt zollen, um noch etwas zu hinterlassen. Dem Gerangel nach Macht, Geld und Erfolg weniger Platz einräumen und das Streben danach als relativ sinnlos enttarnen.

 

Wieso wir den Tod in unser Leben einladen sollten

Ich glaube wir sollten den Tod einladen, eine Rolle in unserem Leben zu spielen, um zu erkennen, wie verantwortungslos wir oft mit dem eigenen Leben sind.

Vielleicht können wir so mit ihm Frieden schließen, weil er uns helfen kann, bewusster mit allem umzugehen, an dem wir in diesem Leben hängen.
Denn es ist nicht der Tod, der unser Leben kostet, sondern es ist unsere Angewohnheit, Gefühle nicht auszusprechen, unseren Träumen nicht zu erfüllen und viel zu viel auf ein MORGEN zu verschieben, von dem wir nicht wissen, ob wir es erleben werden.

Am Ende ist nur die Gewissheit des sicheren Todes, die uns ein Leben schenken kann, das sich vom reinen Existieren unterscheidet.


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susanne henkel autorin neu
Susanne Henkel schreibt als Gastautorin für Wunderweib.
Foto: Stefano Tinti / iStock



Dieser Text ist ein Gastbeitrag von Susanne Henkel. 

Susanne ist systemischer Coach in ihrer Coachingpraxis Talk about! Coaching und Mitbegründerin der ersten systemischen Online-Coaching Akademie FAMILIENBANDE.
Die FAMILIENBANDE ist eine Coaching Community für Menschen die sich für Themen wie: Coaching, Selbstliebe, zwischenmenschliche Kommunikation und die Bewältigung von Lebenskrisen interessieren.
Susanne und die FAMILIENBANDE gibt es auch als Coaching-Podcast. Die Infos findest Du auf der Homepage der FAMILIENBANDE und natürlich auch auf Facebook.
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