Mann bei Geburt: Was, wenn der Mann nicht bei der Geburt dabei sein möchte?
Die meisten Paare erleben eine Geburt zusammen. Aber was, wenn der Partner oder die Partnerin nicht bei der Geburt dabei sein möchten?

Als ich meine Tochter zur Welt brachte, stand mein Mann an meiner Seite. Ein anderes Szenario war für mich undenkbar (für ihn allerdings auch). Ich zerquetschte seine Hand, wenn eine Wehe kam, hielt mich an ihm fest, um die nächste Presswehe zu überstehen. Auch in meinem Freundes- und Bekanntenkreis kenne ich keinen einzigen Mann (und keine einzige Frau), der nicht bei der Geburt des eigenen Kindes dabei war. Doch was, wenn der Partner oder die Partnerin nicht mit in den Kreißsaal oder das Geburtshaus möchte?
Wir haben mit Christina Ullrich-Geißler, Paar- und Familientherapeutin und ehemalige Hebamme aus Hamburg, gesprochen und erläutern die Gründe, weshalb der Partner oder die Partnerin bei der Geburt nicht dabei sein möchte – und warum es manchmal hilfreicher ist, wenn der werdende Vater nicht im Kreißsaal ist.
Früher ein No-Go: Väter im Kreißsaal
Dass der Partner oder die Partnerin bei der Geburt dabei ist, ist wohl für viele Paare eine Selbstverständlichkeit. Doch bis Anfang der 1970er-Jahre war ein werdender Vater im Kreißsaal die Ausnahme. Laut apotheken.de begleitete zu der Zeit etwa nur jeder fünfte Mann seine Frau bei der Geburt.
„Früher war das einfach nicht üblich, dass der Mann bei der Geburt dabei war. Frauen haben sich immer untereinander geholfen“, erklärt Christina Ullrich-Geißler. „Das ist eine Entwicklung der Neuzeit, doch in vielen Kulturen ist es noch heute unüblich.“
Dass es heutzutage eher umgekehrt ist, bestätigt auch Valenka Dorsch von der Abteilung für Gynäkologische Psychosomatik. „Man kann schon von einem gesellschaftlichen Druck sprechen, der Väter dazu bringt, bei der Geburt dabei zu sein", sagte Dorsch der Süddeutschen Zeitung. Die meisten täten es Dorsch zufolge der Partnerin zuliebe.
Mann (oder Frau) bei Geburt dabei: Ja oder nein? Darum ist die Frage wichtig
Fehlt der Partner oder die Partnerin heute im Kreissaal, stößt das nicht selten auf Unverständnis. Während die Frau die Schmerzen durchlebt, sitzt der Mann im Warteraum? Undenkbar - der Vater (oder die Partnerin) MUSS doch dabei sein.
„Es scheint, als sei die Frage danach gar nicht zulässig, ein gesellschaftliches No-Go“, erklärt Paar- und Familientherapeutin Christina Ullrich-Geißler. „Viele Männer werden nicht vor die Wahl gestellt, es wird einfach vorausgesetzt, dass sie dabei sind.“ Gleiches gilt natürlich auch bei gleichgeschlechtlichen Paaren.
Die Frage stellt sich also erst gar nicht. Doch genau darin liegt das Problem. „Natürlich dreht sich zu Recht während der Schwangerschaft und Geburt alles um die Frau, da sie das Kind bekommt“, sagt Ullrich-Geißler. „Doch die Gefühle des Partners oder der Partnerin und ihre Rolle werden oft nicht genug wertgeschätzt.“
Die Frage: „Möchtest du dabei sein?“ sollte unbedingt gestellt werden, sagt die Familientherapeutin. Aber auch: Möchte ich meinen Partner oder meine Partnerin dabei haben? Kommt dabei ein „Nein“ heraus, gilt es herauszufinden, warum nicht, um Verständnis füreinander zu haben.
Partner*in will nicht bei der Geburt dabei sein: Das sind die Gründe
Die Gründe, weshalb der Partner oder die Partnerin nicht im Kreißsaal sein möchte, sind höchst individuell. Christina Ullrich-Geißler nennt mögliche Auslöser für die Entscheidung:
Emotionale Überforderung: Im Falle von heterosexuellen Paaren hat Ullrich-Geißler häufig beobachtet, dass viele Männer die Frau oft mehr unterstützen möchten, als sie können. „Das Gefühl der Hilflosigkeit kann für sie dann sehr belastend sein.“
Ängste: Einige Partner haben Sorge, dass sie die Geburt verändert. „Schließlich schiebt sich ein Kopf durch die Scheide der Frau“, sagt Ullrich-Geißler. Mitunter kann eine Geburt für den Mann ebenso traumatisch sein wie für die Mutter, selbst, wenn sie ohne Komplikationen verlief. „Ich habe Patienten, die Angst davor haben, nicht mehr in die Sexualität zurückfinden, wenn sie ihre Frau unter einer Geburt erleben.“ Das fängt beim Blutverlust an und hört beim Stuhl, den die Mutter während der Presswehen verliert, auf.
Kein Blut sehen können: „Ich kenne Väter, die ohnmächtig geworden sind während der Geburt“, erzählt die Therapeutin. Das lag allerdings nicht nur daran, dass sie kein Blut sehen konnten. „Viele sorgen zu wenig für sich, vergessen zu essen und zu trinken, dazu kommt die meist schlechte Luft im Kreißsaal.“
Partner*in bei Geburt dabei: Tipps von der Expertin
Eine Geburt ist für Eltern eine Ausnahmesituation. Vor allem, wenn es das erste Kind ist, machen sich viele Mütter und Väter Sorgen, haben Ängste und sind überfordert.
Daher ist es umso wichtiger, dass Paare - egal, ob gleichgeschlechtlich oder homosexuell - vor der Geburt miteinander in den Dialog gehen und über ihre Gefühle sprechen. „Auch die Kommunikation während der Geburt ist wichtig“, sagt Christina Ullrich-Geißler, die fünf Tipps für werdende Eltern hat:
Miteinander vorab sprechen: Paare sollten sich ehrlich darüber austauschen, ob der Mann bei der Geburt dabei sein möchte. „Er sollte von allen gesellschaftlichen Zwängen in sich horchen und sich fragen, welches Gefühl er dazu hat“, so Ullrich-Geißler. Gleiches gilt für die Frau, denn: „Es kann aber natürlich auch sein, dass die Frau nicht möchte, dass der Mann oder die Partnerin dabei ist. Auch das sollte akzeptiert werden.“ Dann gilt es, Kompromisse zu finden. Zum Beispiel kann der werdende Vater erst bei den Presswehen oder kurz vor der Geburt des Kindes dazukommen.
Was brauchst du für die Geburt? „Entscheidet sich das Paar die Geburt gemeinsam zu erleben, hilft es herauszufinden, welcher Typ man ist.“ Ullrich-Geißler unterscheidet zwischen zwei verschiedenen: Typ A ist passiv und macht, was die Frau ihm aufträgt. Typ B ist aktiver, feuert an und motiviert. „Zu sagen, was man braucht, hilft enorm, ist aber natürlich unter Wehen nicht immer einfach.“
Plan B: Die eigene Mutter oder Freundin als Back-up haben, falls der Partner doch umkippt oder sich die Partnerin anderweitig als wenig hilfreich herausstellt, schafft ein Sicherheitsgefühl. Die Therapeutin und Hebamme ergänzt: „Möglich ist auch ein Schichtdienst, bei dem sich Mann und Freundin oder Verwandte abwechseln, sodass immer einer zwischendurch eine Pause machen kann und dabei in Rufbereitschaft ist, falls die Geburt kurz bevor steht.“
Flexibel sein: Viele Paare haben genaue Vorstellungen davon, wie die Geburt ablaufen soll. „Wenn eine schwangere Frau mir gesagt hat, dass sie in der Wanne entbinden möchte, kam es in der Regel selten dazu“, so Ullrich-Geißler. „Zu schauen, wie es einem als Paar im Kreißsaal geht und offen für andere Möglichkeiten zu sein, kann Druck rausnehmen und so die Geburt erleichtern.“
Realistisch bleiben: Eine Frau, die in den Presswehen steckt, verliert Stuhl, das ist ganz natürlich. „Wenn ihr als Paar nicht voreinander auf Klo gehen oder Pupsen könnt, ist eine gemeinsame Geburt vielleicht nichts für euch“, sagt Christina Ullrich-Geißler. Im schlimmsten Fall kann Scham nämlich die Geburt behindern, etwa, wenn die Frau den Stuhl abhält, was das Baby zurückhält. „Diese Gespräche finden selten statt, sollten aber stattfinden, um zu prüfen: ,Wollen wir uns so sehen?'“
Fazit: Ob der Mann oder die Frau im Kreißsaal dabei ist, ist eine höchst individuelle Entscheidung. Sprecht als Paar miteinander darüber und fragt euch auch ehrlich: „Was möchte ich?“ Flexibel während der Geburt zu bleiben, nimmt Druck auf beiden Seiten.

Christina Ullrich-Geißler ist Paar- und Familientherapeutin. Sie absolvierte eine Ausbildung zur Hebamme an der Berliner Charité und war viele Jahre als angestellte und freiberufliche Hebamme tätig. Seit ihrer Ausbildung zur Heilpraktikerin für Psychotherapie arbeitet die dreifache Mutter als Paar-und Familientherapeutin mit eigener Praxis in Hamburg.
Mehr Informationen zur Christina Ullrich-Geißlers Leistungen findest du unter paar-familien-therapie-hh.de






