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Mein Weg als Mutter eines Kindes mit AD(H)S

Ein neurodivergentes Kind großzuziehen, kostet viel Kraft. Der Schritt zur externen Hilfe ist doppelt anstrengend, aber jede Mühe wert. Alles in allem ist die Diagnose AD(H)S eine Erleichterung für uns als Familie.

Mutter mit Kleinkind auf dem Arm von hinten fotografiert vor einem Sonnenuntergang
Das Leben mit einem AD(H)S-Kind ist harte Arbeit als Elternteil. Sich Hilfe von außen zu holen, kann ein Gamechanger sein Foto: PR/Canva.de
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Eine Mutter flüsterte mir beim täglichen Kindergartenabholen meines mittleren Sohnes vor einigen Jahren zu: „Diese Energie … das könnte ich niemals aushalten.“ Als Reaktion meinerseits folgte darauf ein tapferes Lächeln. Doch tief in meinem Innersten lautete meine ehrliche Antwort: „Ich eigentlich auch nicht, aber ich muss.“ Das „Weiterfunktionierenmüssen“ war und ist auch heute noch – wenn auch inzwischen viel milder – die größte unsichtbare Last, die ich und mein Mann im Zusammenleben mit unserem neurodivergenten Kind mit uns tragen, aber von Anfang an …

Extrem gefordert in den ersten Kinderjahren

Schon als Kleinkind fiel mein zweiter Sohn im Kindergarten unangenehm auf: „Zu wild, zu laut, zu mobil und öfter auch zu impulsiv – einer, der immer nur Blödsinn im Kopf hat und leider immer stört …“ In einer nicht enden wollenden Dauerschleife entschuldigte ich mich als Mama permanent für sein überbordendes Verhalten. Scham und Stress waren meine treuen Begleiter über viele Jahre – gerade gegenüber den Erzieherinnen im Kindergarten, die sich wirklich sehr um ihn bemühten. Die Tatsache, dass er bereits einen knapp vier Jahre älteren Bruder zu Hause hatte, ließ sein Verhalten oftmals äußerlich als „sozial akzeptiert“ erscheinen. „Der wilde kleine Bruder“, der sich an seinem älteren Geschwister ‚reiben‘ musste. Doch das war rückblickend nur ein Teil der Wahrheit.

Wie Corona zum Brennglas für unsere Familie wurde

Als uns dann Corona eine „Zwangspause“ aus dem regulären Kindergartenalltag verordnete, war ich einerseits ein bisschen erleichtert, mich nicht ständig für mein extra-anstrengendes Kind gegenüber der Außenwelt rechtfertigen zu müssen. Andererseits hatte ich aber so die maximale Belastung allein zu Hause. Rückblickend blicke ich auf diese Zeit wie in einem Nebel zurück und verdränge sie bis heute bewusst. Zeitgleich erlebte ich in dieser Phase eine erneute Schwangerschaft und das große Glück, ein drittes Mal Mama zu werden. Auch wenn die ersten Babymonate sicherlich sehr fordernd waren, so brachten sie auch eine neue „Leichtigkeit“ für die angespannte Beziehung zwischen meinem AD(H)S-Kind und mir. Ein neues Baby veränderte unsere Familiendynamik im positiven Sinne. Vielleicht begegnete ich ihm und seinem fordernden Charakter mit mehr Gelassenheit, und sicherlich tat mir und uns allen die folgende Elternzeit sehr gut.

Als Mutter diene ich oft als Ventil für alle Ausbrüche

Der Übergang in die Grundschule war zunächst unauffällig. Vergessene Mützen, Handschuhe, Schulhefte oder Sportbeutel gehörten bei ihm zwar zur Tagesordnung, aber im Unterricht kam er in den ersten beiden Jahren noch problemlos mit. Als Mama, die zu Hause war, diente ich ihm nachmittags als sein persönlicher „Fußabtreter“ nach einem anstrengenden Schultag und nicht die Lehrerin oder die netten Hort-Betreuer. Dennoch kam ich bis dahin nicht auf die Idee, dass mein Kind in seiner Art zu denken und zu fühlen anders sein könnte. Ich war zu sehr in unserem „Familien-Hamsterrad“ gefangen, als dass ich hinterfragt hätte, ob mehrfache Wutanfälle am Tag noch „annehmbar“ sind.

Die Entscheidung, die alles bewegte

Unser Umzug in eine andere Stadt und ein anderes Bundesland brachte zunächst eine Verschlechterung seines Verhaltens mit sich. Ein neues soziales Umfeld, ein neues Schulsystem, eine neue Umgebung – überall warteten Herausforderungen auf ihn. Seine Noten sackten ab und die täglichen Hausaufgaben entwickelten sich zum Kampf zwischen meinem Sohn und mir. Der erhöhte Leistungsanspruch des neuen Schulsystems offenbarte seine Konzentrationsschwäche sehr deutlich, und der Leidensdruck in unserer Familie wuchs damit täglich. „Wir schaffen es nicht mehr allein“, sagte mein Mann eines Abends zu mir. „Wir brauchen Hilfe.“ Mit sehr viel Glück bekamen wir bereits nach kurzer Wartezeit einen Platz bei einer Psychotherapie. Was folgte, war eine echte Befreiung für uns. Unsere Vermutung auf AD(H)S wurde bestätigt und wir hatten eine Diagnose.

Welche positiven Auswirkungen es mit sich bringt, wenn man sich Unterstützung von außen holt, kann ich persönlich nur bestätigen. Oft stellt dies sogar einen entscheidenden Wendepunkt im Leben dar und verändert den eigenen Alltag nachhaltig. So bringt es auch Michael Phelps auf den Punkt:

„Ich glaube, das, was mein Leben am meisten verändert hat, ist, dass ich herausgefunden habe, dass es okay ist, mit jemandem zu sprechen und Hilfe zu suchen. Jetzt kann ich mein Leben voll ausleben.“
Micheal Phelps, ehemaliger US-Schwimmer, bei dem in der sechsten Klasse ADHS diagnostiziert wurde

Medikamente – Ja oder Nein? Für uns ein Wendepunkt

Mit der Diagnose AD(H)S stand zeitgleich die Frage nach Medikamenten im Raum. Nach längerer Zeit des Abwägens und Meinungen Einholens stand für uns fest: Ja, wir probieren es. Zu diesem Zeitpunkt war der Leidensdruck in unserer Familie einfach zu groß und der Wunsch nach positiver Veränderung und Stressabbau für meinen Sohn stand an erster Stelle. Und tatsächlich veränderten die Tabletten so einiges zum Positiven. Die Rückmeldung seitens der Schule in Bezug auf sein Verhalten und seine Mitarbeit wandelte sich von negativ zu durchweg positiv, seine Leistungen verbesserten sich merklich und zu Hause kehrten langsam, aber sicher mehr Ruhe und Stabilität in unseren Alltag ein. Ein echter Gamechanger für ihn und uns.

Was ich mir für die nächsten Jahre wünsche

Kinder wachsen und entwickeln sich. Fest steht allerdings, dass sich seine Diagnose AD(H)S nicht von allein „verwachsen“ wird. Sie wird sich höchstens etwas abmildern, aber nie gänzlich verschwinden. Sie bleibt und wird ihn ein Leben lang begleiten und herausfordern. Das Gute daran: Wir haben es früh erkannt und können ihm in den nächsten Jahren sämtliche Hilfe und Unterstützung geben, die er braucht, um trotz einer neurodivergenten Störung allen Anforderungen unseres Systems gerecht zu werden. Ganz sicher warten noch einige Hürden auf uns (Pubertät lässt grüßen), dennoch sind wir als Eltern zuversichtlich, dass wir diesen Weg weiterhin gemeinsam gut gehen werden.

Mein Mutmacher-Ratgeber bei ADHS

Wenn man als Mutter mit der Diagnose AD(H)S bei seinem Kind konfrontiert ist, dann möchte man gerne mehr darüber wissen. Ein Ratgeber, der mir besonders am Herzen liegt, weil er sehr einfühlsam und umfassend zu verschiedensten neurodivergenten Störungen informiert, ist „Ein Kopf voll Gold“ von Grundschulpädagogin Saskia Niechzial.

Besonders geholfen haben mir ihre vielen praktischen Tipps, wie man selbst als Elternteil das Selbstbild und die Selbstständigkeit seines Kindesam besten fördert. Außerdem werden auch häufige Herausforderungen im Familienalltag thematisiert und konkrete Lösungsansätze aufgezeigt – total lebensnah und sehr gut verständlich. Eine echte Leseempfehlung für alle, die mehr über neurodivergente Störungen erfahren möchten.