Unser Kind bleibt ein Einzelkind: Warum wir uns für ein Leben zu dritt entscheiden
Meine Tochter wird kein Geschwisterkind bekommen. Warum diese Entscheidung nicht leicht fiel – und doch die einzig richtige für uns ist.

„Na dann bis zum nächsten Mal“, sagte die Krankenschwester und zwinkerte uns zu, als wir mit unserer zwei Tage alten Tochter im Juli 2021 das Familienzimmer im Krankenhaus verließen. Es ist schon erstaunlich, wie selbstverständlich die Gesellschaft mit dem Thema „zweites Baby“ umgeht. Als ob klar ist: Du bekommst ja noch eins, denn du hast ja schon eins.
Doch schon vor der Geburt meiner Tochter war ich mir ziemlich sicher, dass ich kein zweites Kind möchte. Dass ich überhaupt Mutter werden möchte, war ein Prozess. Den starken Wunsch, Mutter zu werden, spürte ich erst mit Mitte 30. Heute ist für meinen Mann und mich klar: Wir bleiben zu dritt.
Als Einzelkind habe ich mir Geschwister gewünscht
Manchmal spielt mir die Natur einen Streich. Dann stelle ich mir vor, wie wir mit unseren zwei Kindern an einem Tisch sitzen, wie sie uns zu Weihnachten besuchen. Ich erinnere mich an den Baby-Geruch, an die kleinen Hände, die nach meinem Finger greifen. An das erste Lächeln, die ersten Schritte.
Das ist der romantische Teil in mir. Der Anteil, der sich vorstellt, wie meine Tochter in drei oder vier Jahren mit ihrem Bruder oder ihrer Schwester spielt, ihr die Welt aus ihrer Sicht zeigt. Der Anteil, der sagt: „Mit einem zweiten Kind ist bestimmt vieles einfacher, weil du ja schon weißt, wie der Hase läuft.“
Wir hätten gute Bedingungen, unserer Tochter ein Geschwisterkind zu bescheren: Die Familie wohnt teilweise fußläufig entfernt, die finanzielle Situation lässt einen weiteren Menschen ebenfalls zu. Außerdem habe ich mir, als Einzelkind aufgewachsen, immer eine Schwester oder einen Bruder gewünscht. Vor allem in der Zeit, als sich meine Eltern scheiden ließen oder mein Vater starb. Ich stellte mir oft vor, wie es wäre, mit meinem Kummer zu einem Bruder oder einer Schwester zu gehen.
Mehr Menschen bedeutet immer mehr Bedürfnisse
Doch wenn ich mich in unserem Freundeskreis umsehe, sind da vor allem Eltern mehrerer Kinder, die sich noch mehr streiten. Die mehr Alltag organisieren müssen, noch mehr ausdiskutieren, schlichten, da sein müssen. Mehr Menschen bedeutet immer mehr Bedürfnisse, die erfüllt werden wollen.
Und genau das ist der springende Punkt: Ich möchte mich nicht noch mehr zurückstellen, als ich es ohnehin schon tue. Die Verantwortung, für die ich mich bewusst entschieden habe, erdrückt mich an manchen Tagen. Mit einer Vierjährigen bin ich mehr als ausgelastet. Ich komme fast täglich an meine Grenzen. Es mag Menschen geben, die mit drei Stunden Schlaf den Tag ohne Probleme überstehen können. Ich gehöre definitiv nicht dazu. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, wieder bei null anzufangen. Unzählige Windeln wechseln, wieder mehrmals am Tag stillen. Meine Tochter war ein Cluster-Baby, sie hing für mehrere Wochen stundenlang an der Brust. Abends schrie sie viel, um das Erlebte zu verarbeiten. Diese Zeit hat sehr viel Kraft und Nerven gekostet. Wenn ich an das erste Kita-Jahr denke, wird mir ganz anders. Wir waren alle drei abwechselnd alle zwei bis drei Wochen krank. Das war mental herausfordernder als der Baby-Blues, den ich im Wochenbett hatte.
Mit einem zweiten Kind rücken die gewonnen Freiheiten in die Ferne
Dazu kommt: Ich fühle mich seit zwei Jahren endlich wieder wohl in meinem Körper. Das habe ich mir hart erkämpft und möchte es nicht wieder aufgeben.
Ich möchte neu gewonnene Freiheiten nicht mehr gegen eine Dauerverfügbarkeit eintauschen. Das mag egoistisch klingen, doch was haben unsere Tochter und das Geschwisterkind von Eltern, die ständig am Limit sind? Und was, wenn mein Nervensystem kapituliert? Was, wenn meine Tochter mit der ihr nicht mehr voll zugeteilten Aufmerksamkeit nicht klarkommt? Was, wenn ich es bereue, ein zweites Kind bekommen zu haben?
Auch, wenn es manchmal weh tut, mir selbst einzugestehen, dass ich (dass wir) zu überfordert wären mit einem zweiten Kind: Ich weiß, dass es die richtige Entscheidung ist. Ich stecke all meine Liebe in dieses eine Kind.
Artikelbild und Social Media: iStock/anatoliycherkas






