Zurück in die 90er

Erziehungstrend: Ist Retro-Parenting die Zukunft für glückliche Kinder?

Retro-Parenting orientiert sich an Erziehungsaspekten der 90er-Jahre. Ist das sinnvoll oder bloß eine Nostalgie-Welle der Sehnsucht von Millennials?

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Video: ShowHeroes

Früher war alles besser? Ich bin Jahrgang 1985 und denke: Besser nicht, aber anders. Als Kind habe ich mich zum Beispiel hauptsächlich mit Barbies, Playmobil, Brettspielen sowie dem Aufdrehen einer Hörspielkassette mit Bandsalat mittels eines Stiftes beschäftigt. Ich habe Spiele erfunden. Manchmal war der Boden Lava oder ich habe aus Laub ein Haus gebaut. Ich traf die Nachbarskinder zum „Hinkepinke“ aka Kästchenhüpfen auf der Straße und pinselte die niedrige Mauer neben unserem Haus mit Wasser an. Es dauerte eine Woche, bis ich den entwickelten Film in meiner Kamera abholen konnte, die Telefonnummer meiner besten Freundin konnte ich auswendig. Samstags schauten wir gemeinsam als Familie „Wetten, dass..?“ oder „Die Mini Playback Show“. Am glücklichsten war ich, wenn ich Zeit mit meinen Eltern oder meinen Freund*innen verbringen konnte.

Derzeit scheint es einen Trend bei (Millennial-)Eltern zu geben, eine gar nostalgische Sehnsucht, das eigene Kind wie in den 90er-Jahren zu erziehen. Was hinter dem Retro-Parenting-Trend steckt, welche Vor- und Nachteile die „nostalgische“ Erziehung bietet und was Expert*innen dazu sagen, erfährst du in diesem Artikel.

Was ist Retro-Parenting?

Für verschiedene Eltern-Typen gibt es inzwischen unterschiedliche Begriffe, wie z. B. die Helikopter-Eltern, die Rasenmäher-Eltern oder die U-Boot-Eltern. Aber was genau verbirgt sich hinter dem Begriff „Retro-Eltern“?

Bei dieser Art Erziehung geht es um die Rückbesinnung auf Erziehungsmuster der 90er-Jahre. Retro-Parenting bedeutet demnach:

  • Reduzierte Bildschirmzeit und mehr analoges Spielen.

  • Mehr Zeit draußen statt drinnen verbringen.

  • Mehr Raum für Langeweile.

  • Selbstständiges Erleben und Spielen, ohne das Kind zu animieren.

  • Weniger verplante Zeit und mehr freie, entspannte Spielzeit.

  • Mehr echte Begegnungen statt digitaler Kontakt.

  • Weg vom „Helikopter“-Erziehungsstil (überbehütete Kinder), hin zum „Free-Range-Parenting“ (dem Kind mehr Freiheiten lassen).

Back to the roots: Warum der Retro-Parenting-Trend gerade jetzt entsteht

Retro-Parenting stellt eine Gegenbewegung zum aktuellen Medienkonsum dar und eine Sehnsucht, die Zeiten von freiem Spiel in der Natur aufleben zu lassen. So zeigen TikToks unter dem Namen „90's Kid Summer“ den Wunsch nach echtem Spielen statt digitaler Unterhaltung (wobei dies aufgrund der Social-Media-Nutzung und der Darstellung der Kinder paradox wirkt). Und eine US-Kampagne zur Abschaffung der Smartphone-Nutzung für Kinder unter 14 Jahren wurde von 100.000 Eltern unterzeichnet; in Deutschland wird seit Wochen über ein Social-Media-Verbot für Kinder unter 14 Jahren diskutiert.

Das kommt nicht von ungefähr, denn eine neue Studie der OECD zeigt, dass immer mehr Kinder und Jugendliche immer früher Zeit am Bildschirm verbringen. „Studien deuten darauf hin, dass problematischer Konsum das Risiko für Depressionen, Angstzustände, Einsamkeit, schulische Schwierigkeiten, Probleme mit dem eigenen Körperbild und Schlafstörungen erhöht, wobei Mädchen häufig stärker betroffen sind“, heißt es von den Wissenschaftler*innen. Zudem sinken die Konzentrationsfähigkeit und Impulskontrolle von Kindern mit zunehmender digitaler Mediennutzung nachweislich.

Grund genug für viele Eltern, zurück zu analogen Zeiten zu gehen oder zumindest die Bildschirmzeiten einzuschränken und mehr auf Aktivitäten an der frischen Luft zu setzen. Ein weiterer Grund für den aufkommenden Trend könnte sein: Neben weniger Bildschirmzeit setzt Retro-Parenting auf weniger Perfektionismus und mehr Gelassenheit in der Erziehung. Etwas, was vor allem Millennial-Eltern sowie der nachfolgenden Gen Z hilft. Denn laut einer forsa-Umfrage im Auftrag der Kaufmännischen Krankenkasse stehen etwa 60 bis 70 Prozent der jungen Eltern unter hoher Belastung, fühlen sich erschöpfter als vorherige Generationen und tragen ein höheres Burnout-Risiko.

Mehr als nur Nostalgie: Warum Kinder von Retro-Parenting wirklich profitieren können

Die Vorteile für Kinder, deren Eltern auf Retro-Parenting setzen, sind vielfältig:

  1. Weniger Bildschirmzeit und mehr analoge Zeit fördern die Selbstregulation: Die Selbstregulation beginnt im ersten Lebensjahr, wenn die Eltern auf die Bedürfnisse ihrer Säuglinge und Kleinkinder reagieren. Das gelingt ohne Bildschirmzeit (auf beiden Seiten) besser. Der Grund: „Da Eltern jedoch selber viel am Bildschirm sind, und wir, wie Studien belegen, nicht multitaskingfähig sind, leidet die Qualität der Interaktion und somit die Regulation des Kindes“, erklärt Klaus Kokemoor, Sozialpädagoge, Psychotherapeut und Autor von „Blackbox Medienkonsum. Kinder beim Aufwachsen in der digitalisierten Welt gut begleiten“, gegenüber Wunderweib.de. „Wenn Kinder auch häufiger vor dem Bildschirm sitzen, passiert etwas Ähnliches: Die Interaktion leidet, die Kinder erhalten für ihre Handlung wenig Resonanz und somit bleibt ihr Handeln ohne wirkliche Verbindung zur realen Welt.“

  2. Raum für Langeweile schafft Kreativität: Heutzutage wissen die wenigsten Kinder (und Erwachsene), wie sich Langeweile anfühlt. Dabei ist Langeweile ein Motor für Kreativität und Problemlösungen – solange sie moderat stattfindet. Erin Westgate, Assistenzprofessorin für Psychologie an der Universität Florida, hat in ihrer Studie „Why Boredom Is Interesting“ gezeigt, dass ein Mittelweg am besten für Kinder ist: Zu viel Langeweile kann überfordern, hier dürfen Eltern gerne Anreize bieten. Zu wenig Langeweile durch zu viel Ablenkung ist jedoch auch nicht förderlich. „Wenn alles mit einem Wisch oder Klick wie von Zauberhand sofort da ist, wird zwar die kindliche Ungeduld befriedigt, aber nicht die kindliche Neugier“, sagt Paula Bleckmann, Professorin für Medienpädagogik an der Alanus Hochschule, gegenüber der „Frankfurter Rundschau“.

  3. Mehr Zeit draußen ist gesundheitsfördernd: Die Natur ist ein kreativer Spielplatz für Kinder und fördert motorische Fähigkeiten sowie Konzentration. Kinder brauchen nicht viel, um sich zu beschäftigen. Oft reichen Steine, Stöcker und Eimer und sie sind zufrieden und können sich kreativ austoben. „Wir brauchen Natur, um geistig, emotional und körperlich gesund zu bleiben“, sagt Professor Dr. Norbert Jung, Umweltpädagoge und Ökopsychologe, gegenüber der Techniker Krankenkasse. Stress wird im Freien abgebaut, zudem stärkt das Spielen an der frischen Luft das Immunsystem.

  4. Förderung von Neugierde, Resilienz und Selbstständigkeit: Kinder werden nicht vor Enttäuschungen bewahrt (wie etwa bei den Rasenmäher-Eltern). Sie dürfen kleine Probleme selbst lösen und erfahren, dass nicht jede kleine Enttäuschung eine Katastrophe ist. Außerdem werden sie weniger stark kontrolliert und ihnen wird von den Eltern mehr zugetraut, was die Selbstwirksamkeit und das Selbstvertrauen fördert.

Das sagen Expert*innen zu dem Erziehungs-Trend

Der Sozialpädagoge Klaus Kokemoor befürwortet Retro-Parenting: „Auch wenn es retro klingt: Das Vorlesen ist eine Liebeserklärung ans Kind, weil es mit inneren Bildern arbeitet und weniger Beziehungsbrüche bereithält.“ Laut Expert*innen besteht keine bildungsbedingte Notwendigkeit, digitale Medien früh zu nutzen. „Mir scheint das Retro-Parenting daher eine kluge, in sich sinnhafte Antwort auf die Überflutungstendenzen in unserer Gesellschaft zu sein.“

Laut Paula Bleckmann sind die Vorteile von Retro-Parenting auch aus Sicht der neurologischen Entwicklungspsychologie gut belegt. Eine „Retro-Medien-Kindheit“ sei nachahmenswert, „weil sie die drei Grundprinzipien einer entwicklungsphasen-orientierten Medienpädagogik berücksichtigt“, so die Medienpädagogin. Das sind:

  • Analog vor digital,

  • Produzieren vor Konsumieren und

  • Durchschaubarkeit vor 'Black Box'. Damit ist im medienpädagogischen Kontext ein bewusster Umgang mit Mediennutzung gemeint, der die Transparenz über technische und psychologische Prozesse umfasst.

Retro-Parenting: Diese Aspekte sind Nachteile

Früher war keineswegs alles besser. Viele Erziehungsmethoden unserer Eltern sind heute fragwürdig oder gar unumstritten schädlich gewesen. Beim Retro-Parenting geht es nicht darum, in Nostalgie zu verfallen und die 90er-Jahre eins zu eins zu imitieren. Das wäre in Teilen ein Rückschritt. Vor einer Verklärung warnt auch Paula Bleckmann: „Ein Risiko von Retro-Parenting wäre, wenn man hinter Erreichtes zurückfallen würde.“

Das umfasst traditionelle Rollenmodelle genauso wie die Vorteile, die unsere Digitalisierung mit sich bringt. Allerdings: Mehr analoge Familienzeit muss man sich als Familie, gerade auch als Alleinerziehende*r, leisten können. Außerdem ist soziale Ausgrenzung von Kindern ein Thema. Hat ein Kind in seiner Klasse als einziges kein Smartphone, kann es sich ausgegrenzt fühlen. Digitale Kommunikation ist – anders als in den 90er-Jahren – ein zentraler Teil der sozialen Interaktion.

Fazit: Die Balance ist entscheidend

Der Wunsch nach einer „echteren“ Kindheit ohne permanente digitale Reize ist für die heutige Eltern-Generation nicht ohne Grund vorhanden. Dabei geht es nicht darum, die Digitalisierung zu verteufeln und dem Kind keinerlei Bildschirmzeit mehr zu erlauben oder ab jetzt alle Hobbys des Kindes zu streichen. Das macht vermutlich auch kein Kind glücklich.

Es geht darum, eine Balance zu finden zwischen analoger unverplanter Zeit zusammen und dem Umgang mit digitalen Medien. Das Kind auch mal frei laufen zu lassen und ihm zuzutrauen, ein Brötchen beim Bäcker zu kaufen, während man vor dem Geschäft wartet. Gemeinsam bei Regenwetter einen Film am Nachmittag schauen und anschließend mit den Gummistiefeln in die Pfützen springen...

Artikelbild und Social Media: iStock/Gerard de Angelis Roger

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