Schlimmer als Helicopter-ElternRasenmäher-Eltern: Warum der neue Erziehungstrend so gefährlich ist

Nach den Helikopter-Eltern kommen nun die Rasenmäher-Eltern. Erziehungsexperten schlagen Alarm angesichts des neuen Erziehungstrends. Wir klären auf. 

Inhalt
  1. Woher kommt der Begriff "Rasenmäher-Eltern"? 
  2. Welche Folgen hat der Erziehungsstil für Kinder? 
  3. Der Erfolgsdruck auf die Kinder wächst
  4. Kinder machen sich selbst klein, um nicht verletzt zu werden
  5. Eltern sind heute deutlich ängstlicher als früher 

Alle Eltern kennen das: Auf dem Spielplatz streitet sich ein Kind mit einem anderen, meistens geht es um eine Spielgerät, das beide haben wollen. Unwillkürlich greifen wir Eltern ein, wollen den Konflikt lösen, gar nicht so sehr für unser Kind, sondern mehr aus sozialen Gründen. Schließlich sollen Kinder lernen zu teilen. Doch genau vor diesem Einschreiten und Einmischen in das Spielverhalten unserer Kinder warnen Erziehungsexperten. Rasenmäher-Eltern werden sie genannt, eine neue Splittergruppe der Helikopter-Eltern. 

 

Woher kommt der Begriff "Rasenmäher-Eltern"? 

Im August 2019 hat sich ein Lehrer, der anonym bleiben möchte, auf der amerikanischen Website weareteachers.com über seine Erfahrung mit Eltern und ihren Kindern berichtet. "Rasenmäher-Eltern tun alles, was nötig ist, um ihr Kind vor Rückschlägen, Auseinandersetzungen oder Misserfolgen zu bewahren. Anstatt ihre Kinder auf Herausforderungen vorzubereiten, schaffen sie alle Hindernisse aus dem Weg, sodass ihre Kinder sich gar nicht damit auseinandersetzen müssen", schreibt er. 

Freche und respektlose Kinder: So reagieren Eltern richtig

Klingt auf den ersten Blick nicht so dramatisch, bis der Lehrer mit seinen Erzählungen fortfährt: "Wir erschaffen keine glückliche Generation von Kindern, wenn wir sie ohne größere Auseinandersetzungen großziehen. Im Gegenteil, wir erschaffen eine Generation, die keine Ahnung hat, wie sie sich verhalten soll, wenn sie tatsächlich auf ein Hindernis stößt. Eine Generation, die beim bloßen Gedanken an einen Misserfolg in Panik ausbricht oder komplett abschaltet. Eine Generation, für die Scheitern so schmerzhaft ist, dass sie Bewältigungsmechanismen wie Sucht, Schuldzuweisung und Verinnerlichung benötigt, um damit klarzukommen."

 

Welche Folgen hat der Erziehungsstil für Kinder? 

Die Universität von Pittsburgh hat sich ebenfalls mit den Rasenmäher-Eltern beschäftigt und die ersten gravierenden Folgen für Kinder herausgearbeitet, die dieser Erziehungsstil langfristig haben kann: 

  • Sie haben keine Motivation Konflikte oder Probleme selbst zu lösen, denn sie wissen nur, wie man dem Weg folgt, den ihre Rasenmäher-Eltern bereits für sie geebnet haben. 
  • Sie sind ohne Hilfestellung nicht in der Lage eigene Entscheidungen zu treffen, egal ob es um Kleinigkeiten geht oder um wirklich wichtige Fragen des Lebens. 
  • Sie bekommen durch die ständige Bevormundung ihrer Eltern das Gefühl, nicht gut genug zu sein, um eigenständig Probleme zu lösen. 

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Aber auch bei uns beobachten Lehrer, Erzieher und Erziehungsforscher den überfürsorglichen Erziehungsstil seit Jahren und warnen vor den Folgen. Die Kinder von Rasenmäher- und Helikopter-Eltern haben laut neuster Studien größere Probleme, ihre Impulse und Emotionen zu kontrollieren - eine Eigenschaft, die besonders wichtig ist, um sich in ihrem sozialen Umfeld zurechtzufinden. Die Konfliktunfähigkeit, die auf dem Spielplatz beginnt, kann sich in der Schulzeit fortsetzen und für die Kinder zum echten Problem werden: Nicole Perry von der University of Minnesota Twin Cities sagt über die Ergebnisse einer Langzeitstudie bei der die Auswirkungen eines überfürsorglichen Erziehungsstils untersucht wurde: "Kinder, die ihre Emotionen und ihr Verhalten nicht effektiv regulieren können, werden mit größerer Wahrscheinlichkeit im Unterricht stören, mehr Probleme damit haben, Freunde zu finden und häufiger Schwierigkeiten in der Schule haben."

 

Der Erfolgsdruck auf die Kinder wächst

Überfürsorgliche Eltern nehmen ihren Kinder zu viel ab. Statt sie neue Dinge ausprobieren zu lassen oder ihnen Beharrlichkeit und Geduld beizubringen, nehmen Eltern ihren Kindern im Alltag alles ab. Oft einfach nur, weil es schneller geht. Das hat zur Folge, dass Kinder Aufgaben und Herausforderungen schneller abbrechen, trotzig und zornig reagieren, wenn sie ein Problem nicht alleine meistern können. Die Angst zu Scheitern ist bei den Kindern oft so groß, dass sie es gar nicht selbst versuchen, sondern direkt sagen, dass sie etwas nicht können. Erziehungsforscher warnen: Wenn ein Kind nicht lernt zu scheitern, kann es keine richtige Persönlichkeit entwickeln. Es sei existenziell, dass Kinder diese Erfahrungen machen und selbst lernen, Hindernisse zu überwinden. 

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Die Kinder von Rasenmäher-Eltern haben jedoch nicht die Chance diese Erfahrungen zu machen, weil ihre Eltern ihnen jedes Hindernis automatisch aus dem Weg räumen. Im Umkehrschluss haben die Rasenmäher-Eltern aber auch einen sehr hohen Anspruch an ihre Kinder. Oft greifen sie deshalb so stark in das Leben ihres Kindes ein, weil sie ihre Kinder sowohl in sozialer als in akademischer Hinsicht erfolgreich sehen wollen. 

Besonders in der Schule wird dieser Erfolgsdruck schnell zum Problem. Kommt ein Kind in einem Unterrichtsfach nicht zurecht, gibt es Nachhilfe oder die Eltern pauken selbst mit dem Nachwuchs. Nicht nur in der Schule, sondern auch Zuhause baut sich Druck auf. Wenn die Noten dann nicht besser werden, leidet vor allem das Kind. Es hat das Gefühl seine Eltern zu enttäuschen und glaubt, dass es sich Fehltritte nicht leisten und vor allem nicht eingestehen kann. 

 

Kinder machen sich selbst klein, um nicht verletzt zu werden

Kinder wollen sich um jeden Preis die Liebe und Anerkennung ihrer Eltern sichern. Aus evolutionärer Sicht haben sie so ihr Überleben sichergestellt. Um die Liebe ihrer Eltern zu bekommen, das Gefühl, dass sie stolz auf sie sind, sind Kinder sogar bereit sich zu verbiegen. Oft ist das allerdings mit großem emotionalen Schmerz verbunden. Vor allem, wenn sie nicht die Liebe und Anerkennung bekommen, die sie sich so sehr wünschen. Sie machen sich selbst klein und greifen damit dem Urteil ihrer Eltern vor. Sie schämen sich für ihren Misserfolg, nicht nur vor den Eltern, sondern auch vor sich selbst. 

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Traurig, wenn man sich bewusst macht, was die Kinder von Rasenmäher-Eltern durchmachen müssen. Zumal Eltern ihren Kinder ja nie bewusst schaden wollen, sondern vermutlich aus falschverstandener Liebe handeln. Und gerade deshalb ist es wichtig, dass sich Eltern ihr Verhalten bewusst machen und selbstkritisch hinterfragen, ob sie ihrem Kind genug Freiräume zur Persönlichkeitsentfaltung lassen. Eltern sollten mehr Vertrauen in ihren Nachwuchs haben und aufhören, jede Situation kontrollieren zu wollen. So wird dem Kind signalisiert, dass es für sich selbst verantwortlich ist. 

 

Eltern sind heute deutlich ängstlicher als früher 

Eltern sollten sich aber auch die Frage stellen, warum sie so übervorsichtig sind. Warum übernehmen Eltern immer mehr die Kontrolle im Leben ihrer Kinder und schaffen es nicht, auf deren Kompetenz zu vertrauen? Eltern spüren heute mehr Angst vor äußerlichen Gefahren, Scheitern und Ausgrenzung. Oft haben sie selbst ähnliche Erfahrungen in ihrer Kindheit gemacht und wollen diese Erfahrungen ihrem eigenen Kind um jeden Preis ersparen. 

Doch zum Wohle unserer Kinder müssen wir Eltern diese Ängste überwinden. Denn schließlich wollen wir mit unseren eigenen Ängsten nicht die Kindheit, Jugend und Zukunft unserer Kinder belasten und sie davon abhalten eine eigenständige und starke Persönlichkeit zu entwickeln. Eine schwierige aber zugleich sehr wichtige Aufgabe, an der alle Eltern arbeiten sollten. 

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