PsychologieUnsichtbare Freunde bei Kindern - ist das gefährlich?

Inhalt
  1. Warum unsichtbare Freunde für Kinder wichtig sind
  2. Welche Freunde werden ausgedacht?
  3. Welche Funktion haben unsichtbare Freunde?
  4. Und wenn der Freund „böse“ ist?
  5. Wie Eltern mit unsichtbaren Freunden umgehen können
  6. Spaß haben mit unsichtbaren Freunden
  7. Medienempfehlungen

Warum unsichtbare Freunde bei Kindern für Eltern kein Grund zur Sorge sind und wie man am besten damit umgeht, erfahren Sie hier!

 

Warum unsichtbare Freunde für Kinder wichtig sind

„Mama. Ich muss heute noch Englisch üben!“ lässt mich meine 4-jährige Tochter beim Abendbrot wissen. „Warum das denn?“ frage ich etwas irritiert. „Hannes aus meiner Klasse hat wieder Mist gebaut und deswegen müssen alle Kinder bis morgen extra viel Englisch lernen.“

Meine Tochter erklärt mir dann mit großer Ernsthaftigkeit, dass sie mit Hannes in die dritte Klasse geht, der Rabauke den ganzen Laden aufmischt und die Erwachsenen die Lage nicht in den Griff kriegen. Aber sie findet das alles nicht so schlimm und blättert nach dem Essen eifrig und selbständig über eine halbe Stunde in einem Liederbuch, das jetzt als Englischbuch fungiert. Sie hat zu tun. Für die Schule. Wegen Hannes. Warum nicht!? Ihr scheint es Spaß zu machen.

Allerdings: Hannes existiert nicht. Meine Tochter geht noch nicht zur Schule und hat ihren unsichtbaren Freund komplett erfunden.

 

Welche Freunde werden ausgedacht?

Viele Kinder haben einen ausgedachten Freund oder Wegbegleiter. Ab dem Kindergartenalter etwa zaubern sich manche Jungen und Mädchen so einen individuellen Gesprächspartner, der manchmal sogar mehrere Jahre eine mehr oder weniger bedeutende Rolle für das Kind spielt.

„Man ist immer nur so unsichtbar, wie man sich fühlt.“*

Die Amerikanerin Marjorie Taylor hat sich in einer Studie ausführlich damit beschäftigt. Die meisten Kinder, mit denen sie über deren unsichtbare Freunde sprach, hatten ein normales Kind zum (unsichtbaren) Freund. In der Häufigkeit dicht gefolgt von älteren Personen, Tieren oder Kindern mit Zauberkräften aber auch Babys, Gespenster, Engel oder Geister, Superhelden oder „unsichtbare ichs“ waren unter den Fantasiewesen. Selten auch feindliche Gestalten, was dann schon beunruhigend sein kann. 

 

Welche Funktion haben unsichtbare Freunde?

Beruhigende Worte für von unsichtbaren Freunden irritierte Eltern findet der Hamburger Kinder- und Jugendlichen Psychiater Michael Schulte-Markwort. Er erklärt, „dass Kinder durch unsichtbare Freunde wunderbar ihre Wünsche, Ängste und andere emotionale Zustände regulieren können.“

Dies sei kein Grund zur Sorge sondern vielmehr „eine reife Leistung des Kindes, weil das Handeln das Konkrete verlässt“. Oft seien diese Kinder sehr fantasiebegabt. Denn was auf der inneren Bühne der Kinderseele abläuft, findet im erdachten Rollenspiel eine Ausdrucksform, die ein Ausprobieren und Aushandeln zulässt und worin der Verlauf immer vom Kind beeinflusst werden kann. Ein sicherer Ort um sich zu erproben.

Michael Schulte-Markwort beschäftigt sich seit Jahren mit den Auswirkungen gesellschaftlicher Entwicklungen auf Kinder. Sein aktuelles Buch: Kindersorgen: Was unsere Kinder belastet und wie wir ihnen helfen können
Michael Schulte-Markwort beschäftigt sich seit Jahren mit den Auswirkungen gesellschaftlicher Entwicklungen auf Kinder. Sein aktuelles Buch: "Kindersorgen: Was unsere Kinder belastet und wie wir ihnen helfen können"
Foto: privat
 

Und wenn der Freund „böse“ ist?

Kinder lösen also mit Hilfe ihrer ausgedachten  Freunde bestimmte Konflikte selbst. Und das ist es ja eigentlich, was Eltern ihren Kindern für die Zukunft wünschen. Aber was machen wir, wenn der ausgedachte Begleiter „böse“ ist?

„Der (unsichtbare) Hund hat meine Hausaufgaben gefressen“*

Auch hierfür gibt es eine beruhigende Erklärung von dem erfahrenen Psychiater Schulter-Markwort: „Ein Kind teilt damit innere Konflikte auf. In „gut“ und „böse“ zum Beispiel. Wenn ein Kind zwei Playmobilfiguren oder Kuscheltieren miteinander kämpfen lässt, dann ist das nichts anderes und wichtig für die Entwicklung. Aufteilen ist leichter.

Ein Problem wird es erst, wenn die Balance nicht stimmt. Wenn immer die böse Stimme gewinnt oder immer die Gute. Dann braucht es elterliche Hilfe.“ Ein guter Zugang sei es, sich auf die Ebene des Kindes begeben und überlegen, wie Eltern die gute und hilfreiche Stimme lauter werden lassen können.

 

Wie Eltern mit unsichtbaren Freunden umgehen können

Mit Rückmeldungen wie  „Den gibt es nicht.“ oder „Hör da nicht hin.“ können Eltern eine wichtige Kompetenz des Kindes abwerten. Das passiert sicher nicht mit böser Absicht. Manchmal ist es vielmehr so, dass Eltern gestresst oder genervt sind, wenn ein „Harvey“ von seinem Erfinder über einen längeren Zeitpunkt zum gleichwertigen Familienmitglied erklärt wird, einen eigenen Platz am Tisch beansprucht oder sogar echtes Essen auf seinen Teller gefüllt kriegen soll.

„Ein Mädchen, das einen unsichtbaren Freund hat, ist eine Sache. Aber, ein unsichtbarer Freund, der einen unsichtbaren Freund hat. Nein!“*

An dieser Stelle sei die elterliche Haltung hilfreich, dass der unsichtbare Freund in der Fantasie bleiben muss, so der Experte. Der kreative und hilfreiche Teil dürfe gewahrt werden. „Aber wenn Eltern das Gefühl haben, dass es überhandnimmt, dann muss man immer ausreichend Normalität wahren.“

So könne man auf den Wunsch des Kindes, dass sein „Harvey“ auch zu Essen bekommt, zum Beispiel mit den Worten eingehen: „Harvey ist so ein Besonderer. Der braucht kein echtes Essen.“ Oder wenn das Kind seinen Fantasiefreund benutzt indem es etwas sagt, wie: „Ich kann nichts dafür. Das war Harvey“!

Dann sei es wichtig klarzustellen: „Du bist der Herrscher über Harvey. Nicht umgekehrt. Hier können Eltern dem Kind dazu verhelfen, wieder Herr der eigenen Seele zu werden.

Einen Arzt aufzusuchen sei in den wenigsten Fällen nötig. Es sei aber okay, „wenn Eltern sehr unsicher sind oder Harvey eine zu große Eigendynamik entwickelt.“ Angst vor einer möglichen schizophrenen Erkrankung des Kindes müssten Eltern wegen Harvey auf jeden Fall nicht haben. Im Kindesalter kommt sowas nicht vor. Frühestens ab der Pubertät. Und auch das sei selten.  

 

Spaß haben mit unsichtbaren Freunden

Jedes Kind erfindet seinen Freund unbewusst für einen bestimmten Zweck und das Gespräch darüber gibt oftmals berührende Einblicke in die Kinderseele.

Meine Tochter löst mit ihrem erfunden Freund Hannes auf bewundernswerte Weise ihren Frust darüber, die Jüngste der Familie zu sein und die Schule nicht abwarten zu können.

Wir reden über Hannes von Anfang an nicht anders als über die Mitschüler und Lehrer meines großen Sohnes. Sie guckt dann sehr zufrieden und wir Älteren schmunzeln in uns rein und freuen uns jeden Tag auf neue Geschichten von Hannes, der Michel von Lönneberga in nichts nachsteht.

Autorin: Familientherapeutin Marthe Kniep

Unsichtbare Freunde bei Kindern - ein Grund zur Besorgnis? Das sagt der Experte.
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Foto: iStock
 

Medienempfehlungen

Hör-Tipp:

Die mit Sternchen versehenen Zitate stammen alle aus dem Hörbuch:

Was wäre, wenn du plötzlich feststellst, dass du gar nicht real bist?
Sondern nur „erfunden“? Wie sähe deine Welt plötzlich aus?

Für alle, denen der Draht zum (kindlich) magischen Denken etwas abhandengekommen ist und die ihre Träume wieder in die Wirklichkeit integrieren wollen. Lustig, philosophisch und in sich absolut runde Geschichte für Groß und Klein!

Lese-Tipp:

Wieder überzeugt der Autor mit seinem liebevollen und erfahrenen Blick auf Kinderseelen und seinen hilfreichen Tipps für Eltern.

Prof. Dr. med. Michael Schulte-Markwort ist ärztlicher Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie im Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf und am Altonaer Kinderkrankenhaus. Im Pattloch-Verlag erschienen seine Bücher „Burnout-Kids. Wie das Prinzip Leistung unsere Kinder überfordert“ und „SuperKids. Warum der Erziehungsehrgeiz unsere Familien unglücklich macht“.

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