Halbmarathon-LaufkolumneWas das magische Wort „Nein“ mit meiner Motivation macht

Der steigende Trainingsaufwand ging bei mir mit einer sinkenden Motivation einher. Kurz gesagt: Ich hatte einfach keine Lust mehr. Bis meine Ärztin mir kürzlich verkündete, dass mein Halbmarathon auf der Kippe stünde... Jetzt lerne ich auf die harte Tour: Wie nah Trotz und Motivation zusammenliegen und was ein simples „Nein“ mit mir macht.

Inhalt
  1. Wenn das Schienbein streikt
  2. Halbmarathon laufen? "Sehe ich nicht"
  3. Muss man mir erst etwas verbieten, damit ich es will?

„Letztendlich musst du die Kilometer aber einfach laufen“, lauteten die abschließenden Worte meiner Trainerin, die ich zu Beginn unserer Challenge um Rat gebeten hatte. Die Wochen darauf merkte ich, was ich mir mit einem Halbmarathon wirklich aufgehalst hatte. Denn anmelden und loslaufen – so einfach ist das eben doch nicht. Vielmehr gehört eine Menge Training dazu, 21 Kilometer am Stück laufen zu können, wenn es sonst höchstens fünf waren.

Konkret hieß das bei mir: Ich setzte mir den Maßstab, die Distanz zunächst in sieben Tagen zu laufen. Mindestens 21 Kilometer, mindestens drei Läufe unterschiedlicher Intensität pro Woche. Tschüß, Sozialleben, Tschüß Zeit – und damit auch Tschüß Motivation. Am Anfang macht das häufige Training noch Spaß, nach einigen Monaten hatte ich jedoch das Gefühl, nur noch im Kreis zu rennen – im wahrsten Sinne des Wortes. Ich überlegte, den Halbmarathon zu schmeißen. Wozu das Ganze?

Dann kam ein Wochenende am Meer und die Befreiung – in der Natur fand ich meine Leidenschaft am Laufen endlich wieder und war so begeistert, dass ich glatt 12 Kilometer am Stück rannte. Und weil es so schön und ich gar nicht müde war, hängte ich am nächsten Tag weitere sechs ran.

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Wenn das Schienbein streikt

Montag merkte ich ein heißes Ziehen im linken Unterschenkel. Muskelkater, sagte ich mir. Mittwoch fiel es mir auch im Alltag schwer, Treppen zu steigen. Donnerstag und Sonntag lief ich trotzdem weiter. Bis ich mich Dienstag mit schmerzendem Schienbein bei einer Notfallorthopädin wiederfand.

„Periostitis“, lautete die Diagnose der resoluten Ärztin, sobald sie mein Bein in der Hand hielt, „Ihre Knochenhaut ist überlastet und entzündet“. Mein Magen zog sich zusammen. Das war genau die Verletzung, die Dr. Google mir bereits ausgespuckt und die ich bisher tapfer verdrängt hatte. Shin Splints, wie die Knochenhautentzündung ebenfalls genannt wird, sind ein typisches Läufer-Problem. Und die Therapie wollte ich ebenfalls nicht hören, denn sie passte nicht in meinen Plan. So fragte ich die Ärztin nach einer Lösung wohlwissend, dass mir die Antwort nicht gefallen würde, denn sie lautete: Pause. Mindestens vier Wochen.

 

Halbmarathon laufen? "Sehe ich nicht"

In diesem Moment schloss ich die Dame in mein Herz. Sie setzte sich zu mir auf die Liege und sah mich mit einem Blick voller Mitgefühl an, wie ihn nur Läufer unter sich aufbringen könnten.

„Ich laufe in zwei Wochen die Staffel beim Marathon“, sagte ich. „Sehe ich nicht“, sagte sie.

„Ich möchte im Juni den Halbmarathon laufen“, redete ich weiter. Die Ärztin senkte den Kopf, mit dem sie mir daraufhin ein langsames, aber deutliches „Nein“ signalisierte.

An diesem Punkt spürte ich: Die Frau versteht mich. Sie war selbst Läuferin und wusste, wie schwer es war, jemandem das Laufen zu verbieten.

So ging ich, die Tage zuvor noch meckerte und jammerte, dass ihrem Umfeld die Ohren abfielen, aus der Praxis hinaus und war mir sicherer als zuvor: Ich will diesen Halbmarathon laufen.

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Muss man mir erst etwas verbieten, damit ich es will?

Ob ich den Halbmarathon tatsächlich laufen kann, ist derzeit ungewiss. Spannend ist aber, was ich in diesem Zusammenhang über mich selbst gelernt habe. Brauche ich erst jemanden, der mir meine Grenzen aufzeigt, um sie überqueren zu wollen?

Die Woche nach der Diagnose hatte ich so viel Zeit wie das gesamte letzte halbe Jahr nicht. Schließlich musste ich nicht trainieren. Doch genau darum drehten sich nun meine gesamten Gedanken. Manchmal merkt man erst, wie sehr man etwas mag, wenn es wegfällt. Dass dieses Sprichwort nicht nur auf Beziehungen zutrifft, lerne ich gerade auf die harte Tour.

Spoiler: Ich bin die Haspa-Marathon-Staffel trotzdem gelaufen. Nach einer einwöchigen, statt vierwöchigen Pause. Mein Schienbein macht mit – ein gelegentliches Zwicken verrät mir jedoch auch heute noch, dass ich um die richtige Trainingspause nicht herumkomme. Während meine Kolleginnen bereits damit rechnen, den Halbmarathon ohne mich zu laufen, keimt in mir eine Motivation auf, die ich vorher nicht kannte.

Ganz klar: Wird mein Schienbein weiter weh tun, werde ich eine Pause machen, um die Erkrankung nicht chronisch werden zu lassen. Und es ist nicht unwahrscheinlich, dass der Trainingsrückstand dann dazu führt, dass ich die 21 Kilometer nicht laufen kann. Gesundheit geht vor. Das weiß ich.

Trotzdem habe ich gerade gleich zwei neue Freunde: Die Motivation hat nämlich einen Mitspieler an der Hand: Selbstglaube. Und die zwei sind aktuell ein verdammt gutes Team.

P.S.: Willst du mich zu etwas überreden, reichen zukünftig also vier magische Worte: „Du kannst das nicht“. Schon ist die vierjährige Trotz-Mareike in meinem Kopf: „Kann ich wohl!“. So einfach bin ich also zu knacken.

Hier kannst du die anderen Teile unserer Laufkolumne lesen, in der Maren, Tina und ich abwechselnd von unserer Halbmarathon-Challenge berichten:

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