Sex„Fifty Shades of Grey“: Sex-Forscherin erklärt, warum manche Paare beim Sex auf Peitschen stehen

„Fifty Shades of Grey“ hat eine ganz neue sexuelle Offenheit ausgelöst. Immer mehr Männer und Frauen befassen sich mit BDSM und experimentieren mit der lustvollen Wirkung von Schmerzreizen beim Sex. Warum Schmerzen beim Sex als erregend empfunden werden können – ein Gespräch mit Sexualforscherin Andrea Burri.

 

Spezielle Lust! Warum manche Menschen Schmerzen beim Sex als anregend empfinden

So kritisch die „Fifty Shades Of Grey“-Filme angesichts der in ihnen propagierten Rollkenklischees von unterwürfigen Frauen und dominanten Männern zu betrachten sind, lässt sich doch nicht abstreiten, dass die Geschichte von Christian Grey und Anastasia Steele auch dazu beigetragen hat, dass Männer und Frauen auf der ganzen Welt sich in sexueller Hinsicht von vielen Film-Szenen inspiriert fühlen und dies durchaus als positiv und sexuell befreiend empfinden.

Plötzlich experimentieren immer mehr Paare mit Bondage, Handschellen, Peitschen und Wachs. Und das Interesse ist beiderseitig – Männer wie Frauen haben Spaß daran, mit Dominanz und Schmerz beim Sex zu spielen. Doch wie kann es sein, dass im täglichen Leben selbstbewusste und gestandene Frauen und Männer es zuhause genießen, dominiert und beim Sex mit schmerzhaften Spielen getriezt zu werden?

Dazu hat das Dating-Portal C-Date die bekannte Sexualforscherin Andrea Burri vom European Institute for Sexual Health in Hamburg befragt, die hier erklärt, was Frauen an dominanten Männern reizen kann und warum manche Menschen Schmerzen beim Sex als reizvoll empfinden.

Sexualforscherin Andrea Burri erforscht, wann und wie sexuelle Lust entsteht.
Sexualforscherin Andrea Burri erforscht, wann und wie sexuelle Lust entsteht.
Foto: privat

Frau Burri, warum sehnt sich jemand nach Schmerzen beim Sex? Und warum danach, anderen Schmerzen zuzufügen?

Andrea Burri: Zuerst sollte hier erwähnt werden, dass der Wunsch nach Schmerz beim Sex, sei es zufügen oder empfinden, nicht weit verbreitet ist. Man kann also nicht von einem „generellen Wunsch nach Schmerz“ beim Menschen sprechen.  Schenkt man neueren Untersuchungen Glauben, so üben rund 5 bis 25 Prozent der Bevölkerung regelmäßig Sexualpraktiken aus, die mit der Lust an Schmerzen in Verbindung stehen. Laut einer jüngsten Umfrage in Belgien führen rund 12% der Bevölkerung regelmäßig mindestens eine BDSM-bezogene Aktivität aus, viele dieser Praktiken haben jedoch nicht notwendigerweise mit physischem Schmerz zu tun, sondern wir sprechen hier auch von „milden BDSM Varianten“ wie Handschellen, Augen verbinden, etc. Klar ist jedoch, dass der Bevölkerungsanteil mit entsprechenden Fantasien deutlich höher ist; aber Träumen und Umsetzen sind zwei paar Schuhe.

Die Gründe, wieso jemand Genuss und Erfüllung in Schmerz findet, sind mannigfaltig. Lange Zeit hat man geglaubt, dass Schmerz und Genuss zwei absolute Gegenpole darstellen. Neuere neurobiologische Studien zeigen jedoch, dass es beträchtliche Überlappungen gibt bei den Hirnaktivierungen, so kommt es auch beim Empfinden von Schmerz zur Ausschüttung einer Reihe von chemischen Botenstoffen, wie Endorphinen, Dopamin (unserem Belohnungshormon), Serotonin und Adrenalin, was insgesamt zu einer Art ekstatischem Zustand führen kann.

Wieso jedoch einige Schmerzen als unangenehm und andere als genussvoll erlebt werden, weiß man nicht so genau. Eine Möglichkeit ist, dass das Bewusstsein darüber, dass die schmerzhafte Aktivität keinen reellen Schaden zufügen wird, den Schmerz in etwas Genussvolles umwandelt. Nebst der physiologischen Komponente gibt es aber bestimmt auch psychologische Faktoren, welche dem Schmerz positive Qualitäten verleihen. Dann gibt es Unterschiede im Schmerzempfinden und der Schmerzsensibilität. Für einige ist ein etwas intensiveres Kratzen am Rücken oder ein heftigeres Knabbern am Ohr bereits sehr schmerzhaft und kann nicht mehr genossen werden. Bei anderen geht dann erst recht die Post ab.

Ähnlich sieht es bei der Lust am Schmerzen zufügen aus. Auch hier führt der Akt zu einer Ausschüttung von belohnenden Neurotransmittern, hinzu kommt das Gefühl von Macht oder die Befreiung unterdrückter sexueller Fantasien. Zu erwähnen bleibt zudem, dass wir diese „harmlosen“ oder subklinischen Ausprägungen von SM differenzieren müssen, vom pathologischen Sadomasochismus, welchem wohl auch andere Ursachen zugrunde liegen.

Warum gibt es gerade in Zeiten, in denen Frauen endlich auch sexuell selbstbewusster werden, offenbar viele Frauen, die davon träumen, sich zu unterwerfen oder gar geschlagen zu werden?

Andrea Burri: Hier ist es wichtig anzumerken, dass Fantasien und Sehnsüchte nicht 1:1 auf die Wirklichkeit übertragen werden können. Der Fantasie sind nun mal keine Grenzen gesetzt und oft kommen da ganz tief liegende Bedürfnisse zum Vorschein. Der Wunsch nach Sicherheit und „Führung“ ist etwas, was evolutionsbiologisch sehr tief in Frauen verankert ist. Zwar haben die gesellschaftlichen Veränderungen der letzten 10 bis 20 Jahre vor allem in den westlichen Ländern es den Frauen ermöglicht, zunehmend eine neue Form der Sexualität zu entwickeln, in der auch Genuss und sich nehmen, was man will, im Vordergrund steht. Dennoch ist dieser sehr archaische Wunsch nach Sicherheit, nach der Sehnsucht nach Geborgenheit, nach wie vor da. 10 bis 20 Jahre reichen nun mal nicht aus, um gegen das sich über Jahrtausende entwickelte, instinktive Verhalten durchzusetzen. Die beiden Dinge stehen aber auch nicht notwendigerweise im Gegensatz, denn man kann sowohl dominant sein und dennoch den Wunsch nach Schutz und Geborgenheit hegen. Demzufolge kann man sehr wohl sexuell fordernd und dominant sein, und sich dennoch ab und an nach was anderem, in dem Falle einer submissiven Interaktionsrolle, sehnen.

Sexualforscherin Andrea Burri erklärt, warum manche Frauen und Männer Schmerzen als sexuell reizend empfinden.
Sexualforscherin Andrea Burri erklärt, warum manche Frauen und Männer Schmerzen als sexuell reizend empfinden.
Foto: iStock

Was reizt eine Frau an einem dominanten Mann?

Andrea Burri: Solche Präferenzen sind nicht nur angeboren oder beruhen auf vorheriger Erfahrung, sondern hängen ein Stück weit auch von der Umwelt ab. In Gesellschaften, in der sich Frauen eher bedroht fühlen, suchen sie sich eher Partner, welche sie beschützen können, bei denen sie sich geborgen fühlen. In sicheren Umgebungen können es sich die Frauen eher leisten, den Fokus auf andere Qualitäten zu richten. Trotzdem zeigen Studienergebnisse, dass scheinbar doch ein archaisches Prinzip vorherrscht. Der dominante, starke Mann, der sich durchsetzen kann, der gesund und vital ist und so der Frau instinktiv mitteilt, dass er gute Gene für ihren Nachwuchs hat. Einige Frauen suchen die Spannung und das Abenteuer, und auch das wird indirekt über die Dominanz ausgestrahlt. Im Gegensatz zu einem eher submissiven Mann, den man schnell mal für ein wenig ängstlich hält.

Aber auch Männer, die weniger dominant und eher zurückhaltend sind, können die Frau für sich gewinnen, brauchen dafür aber andere Strategien, wie zum Beispiel eine größere Bereitschaft, in die gemeinsame Beziehung und die längerfristige Erziehung des Kindes zu investieren. Im Übrigen ist es auch hier wieder wichtig zu erwähnen, dass Dominanz und  Submission auch fließend sein können, und viele Menschen dazu neigen, von beiden Seiten Züge in sich zu tragen, welche sich auch je nach Situation und Umgebung oder auch je nach Partner unterschiedlich äußern.

 

Und was reizt einen Mann an einer devoten Frau?

Andrea Burri: Ein Faktor kann sein, dass es für den Mann reizvoll sein kann, die Kontrolle zu haben, und damit den Handlungsverlauf weitgehend selbst zu bestimmen, so kann er die Aktivitäten ausführen, auf die er gerade Lust hat. Der Mann kann sich stark und in seiner Männlichkeit besonders bestätigt fühlen, wenn er auf eine devote Frau trifft, die sich ihm völlig hingibt, so dass er sie führen und sich im weitesten Sinne um sie kümmern kann. Es ist auch ein Vertrauensbeweis, wenn die Frau sich vom Mann dominieren lässt.

Sind Leute, die im Schlafzimmer gern dominant bzw. devot sind, tendenziell auch sonst so? Oder hat das nichts miteinander zu tun?

Andrea Burri: Das lässt sich nicht pauschal beantworten. Es gibt ja auch die oft zitierten umgekehrten Fälle: Der mächtige CEO, der eine verantwortungsvolle Position innehält, gerne kontrolliert und Macht ausübt um sich dann nach Feierabend von einer Domina den Po versohlen lässt. Endlich mal Kontrolle abgeben können, nicht auch noch beim Sex in die Korsage des einflussreichen, übermächtigen Mannes gezwungen zu werden, sich auch mal gehen lassen können - das kommt sicher vor. Aber wie gesagt sind Dominanz und Submission zwar Grundzüge, können aber in verschiedenen Situationen auch verschieden ausgeprägt gelebt werden oder ein Bedürfnis sein.

Neurobiologische Theorien gehen davon aus, dass sowohl Mann als auch Frau beides besitzen: dominante wie auch submissive subkortikale Vernetzungen, welche beide mit dem Belohnungszentrum im Hirn verknüpft sind. Das scheint einer der Gründe zu sein, wieso viele zwar die Präferenz für eine Rolle haben, jedoch auch im Switchen - also im Rollenwechsel, mal submissiv, mal dominant - Erfüllung und Befriedigung finden. Nicht nur beim Sex, sondern auch in verschiedenen Lebenslagen.  Außerdem sollte noch angemerkt werden, dass psychische und physische Macht nicht dasselbe sind.

 

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