Weibliche SexualitätKatharina Bonk: "Wir Frauen reden offen über Sex mit anderen, aber nicht über Masturbation."

Warum ist Masturbation bei Frauen immer noch ein Tabu-Thema und wie können wir lernen, uns selbst anzufassen? Wir haben mit Katharina Bonk über weibliche Sexualität gesprochen. Die Berlinerin veranstaltet regelmäßig Masturbations-Workshops für Frauen.

Inhalt
  1. Deine ganze Arbeit dreht sich ja um die Sexualität der Frau. Wie kam es dazu?
  2. Warum ist Masturbation so ein Tabu-Thema bei Frauen?
  3. Wie können Frauen zu ihrer Sexualität finden?
  4. Wie können Frauen Masturbieren lernen?
  5. Welche Rolle spielen Sextoys?
  6. Wie hängt Masturbation mit gutem Sex zusammen?
  7. Wie läuft ein Masturbationsworkshop bei dir ab?

Wir Frauen sind in jeglicher Hinsicht emanzipiert, aber bei einem Thema sind wir immer noch extrem verunsichert: Masturbation. Wir reden zwar mit unseren Freundinnen darüber, was uns beim Sex mit unserem Partner gefällt oder nicht, aber Selbstbefriedigung ist ein großes Tabu, darüber spricht man nicht. Warum ist das so? Und was können wir tun, um die Scham zu überwinden? Und wie können wir Freude entwickeln, uns selbst zu verwöhnen? Wir haben Katharina Bonk gefragt, die sich in ihrer Arbeit voll und ganz der weiblichen Sexualität widmet. Die Berlinerin hat eine Yoga- und Tantraausbildung absolviert und veranstaltet regelmäßig Masturbations-Workshops für Frauen. Mit ihrem Freund hat Katharina die Firma Liebelei gegründet, wo sie Helfer für die weibliche Lust - und zwar Yoni-Eier und Kristalldildos - vertreibt.

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Katharina Bonk widmet sich in ihrer Arbeit der weiblichen Sexualität.
Katharinas ganze Arbeit dreht sich um die weibliche Sexualität.
Foto: Katharina Bonk
 

Deine ganze Arbeit dreht sich ja um die Sexualität der Frau. Wie kam es dazu?

Katharina Bonk: "Mein Anliegen ist es, weibliche Sexualität natürlich anzugehen und natürlich zu betrachten, ohne Frauen als Mauerblümchen oder als sexy Bitch zu kategorisieren. Ich war als Kind schon sehr sexuell interessiert und habe selbst meine Hürden kennengelernt, sei es vonseiten der Eltern, der Freunde oder später auch der Männer. Man bekommt immer den Spiegel vorgehalten, wie sich Frauen sexuell zu verhalten haben. Heute ist es ja ganz schwierig. Die Frau soll nicht mehr verklemmt sein, nicht frigide, das sind alles Schimpfwörter, aber sie soll bitte auch nicht zu offen und zu selbstbewusst sein in ihrer Sexualität, das ist dann ja auch wieder gefährlich oder billig. Es geht mir daher darum, ein realtitätsgetreues Abbild zu kreieren. Das bedeutet, die Schubladen aufzumachen und zu sehen, dass Sexualität für jede Frau anders ist. Es geht darum, die eigenen sexuellen Wünsche herauszufinden, damit zu experimentieren und sich dafür auch nicht zu schämen."

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Warum ist Masturbation so ein Tabu-Thema bei Frauen?

Katharina Bonk: "Wir sind dermaßen offen dabei, über den Sex mit anderen zu reden, aber nicht über Masturbation. Ich denke, das hat immer noch mit der Sozialisierung zu tun. Die Frau ist lange in ihrer Sexualität unterdrückt worden. Zudem schämen Frauen sich dafür, wie sie unten rum riechen, wie ihre Vulven aussehen, die Kürzung der Schamlippen ist immer noch eine der Hauptoperationen bei Frauen. Natürlich schämen wir uns dann auch dafür, wenn wir uns unten rum anfassen. Die Scham sitzt so tief, dass wir nicht darüber reden. Es ist etwas Schmuddeliges, während Sex mit anderen ja etwas Cooles ist.

Wenn uns der Nachbar beim Sex sehen würde, ist es uns peinlich, aber es ist noch viel schlimmer, wenn er uns bei der Masturbation erwischen würde. Es hat auch mit dem Mangelgedanken zu tun: Wir machen es nur dann, wenn wir einen Mangel an Sex haben, wenn wir alleine sind. Der Gedanke, sich selbst etwas Gutes zu tun, von Selbstliebe, ist noch nicht verankert."

 

Wie können Frauen zu ihrer Sexualität finden?

Katharina Bonk: "Zuerst muss man für sich irgendwie lernen die Scham zu überwinden. Für mich war es sehr hilfreich, sich klarzumachen, dass jede Frau masturbiert. Das ist auch eine schöne Übung: Wenn man im Bus oder in der Bahn sitzt, sich die Menschen anzuschauen und sich klarzumachen, dass jeder Mensch masturbiert. Dabei kann man schon erkennen, ich bin nicht abnormal, wenn ich masturbiere. Gerade heute, wo es so viel um das Thema Selbstverwirklichung und -erkenntnis geht, kann Sexualität nicht ausgeschlossen werden, das ist ein wichtiger Teil unserer Identität."

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Wie können Frauen Masturbieren lernen?

Katharina Bonk: "Es geht vor allem ums Experimentieren. Wir entwickeln meist Muster, wie wir uns anfassen, um schnell einen Orgasmus zu erlangen, und weichen davon nicht ab. Das kann auf die Dauer öde werden und zum Libidoverlust führen. Und wir verpassen was, weil wir keine anderen Techniken kennen und die Masturbation ist doch sehr einseitig. Es ist wichtig, sich die Zeit zum Mastubieren zu nehmen und mit sich selbst zu experimentieren."

 

Welche Rolle spielen Sextoys?

Katharina Bonk: "Sextoys können Unterstützer sein. Mit einem Yoni-Ei kann man zum Beispiel schon vor dem Sex ansetzen, da dadurch der Beckenboden gestärkt wird. Die Stärkung des Beckenbodens ist ein zentraler Punkt meiner Arbeit, denn umso stärker der Beckenboden ist, umso mehr Lust verspüre ich und umso intensiver ist auch der Orgasmus. Manche Frauen masturbieren auch mit dem Yoni-Ei in sich, dadurch entsteht nochmal ein ganz anderes Gefühl."

 

Wie hängt Masturbation mit gutem Sex zusammen?

Katharina Bonk: "Wenn ich mich selbst liebe, kann ich auch andere lieben. So verhält es sich auch mit Masturbation und Sex. Erst wenn ich weiß, was mir gefällt, wie ich gerne angefasst werden möchte, kann ich mir das auch beim Sex mit anderen holen. Dann muss ich natürlich noch das Selbstbewusstsein haben, das auch zu äußern. Ich glaube aber das Masturbation und eine selbstbewusste Haltung dazu, es auch fördert, Wünsche laut zu formulieren."

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Katharina veranstaltet regelmäig Masturbations-Workshops, in denen Frauen lernen, mit ihrer Sexualität zu experimentieren.
Katharina veranstaltet regelmäßig Masturbations-Workshops, in denen Frauen lernen, mit ihrer Sexualität zu experimentieren.
Foto: Katharina Bonk
 

Wie läuft ein Masturbationsworkshop bei dir ab?

Katharina Bonk: "Der Ansatz ist zweierlei - zum einen: Da wir nicht einmal darüber reden uns selbst anzufassen, ist die erste Hälfte des 4,5–stündigen Workshops sozusagen theoeretischer Austausch. Wir tauschen uns über Erfahrungen bei der Masturbation, über die Scham, Schuld, Fantasien und Techniken aus. Es ist ein offener Austausch, wie wir dazu stehen und wie wir das machen. Letztens erzählte eine, sie singt, wenn sie masturbiert. Die Erfahrungen der anderen sind sehr inspirierend.

Dann gibt es eine Mittagspause und dann gibt es einen praktischen Teil, wobei wir nicht direkt an uns rumrubbeln, sondern es geht um das Ganzkörperkonzept der Masturbation. Das setzt sich aus vier verschiedenen Faktoren zusammen: aus Stimme, Bewegung, Atem und Berührung. Diese Stadien gehen wir dann gemeinsam durch. Das heißt, wir sorgen erstmal für Stressfreiheit, sich zu lockern. Dann machen wir verschiedene Atemtechniken, die den Körper aktivieren und sexuell anregen können, da der Atem beim Sex oft angehalten wird und nicht fließen kann, was zwar den Orgasmus fördert, aber nicht den Genuss. Dann geht es um Genitalberührung, dabei tragen die Frauen eine Augenmaske, um mehr Safe-Space zu haben. So müssen sie keine Angst haben, beobachtet zu werden oder mit den Blicken abzuschweifen. Jede hat dabei ihre eigene Insel mit einer eigenen Decke. Dann leite ich für etwa 20 Minuten verschiedenden Berührungen an, wobei die Teilnehmerinnen neue Stimulierungspunkte kennenlernen. Dann können sie noch selbst experimentieren, wobei es am Ende vielleicht in irgendeiner Form einen Höhepunkt gibt. Am Ende tauschen sich alle aus."

Liebe Katharina, wir danken dir für das offene Interview!

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