Sexuelle OrientierungDemisexuell - was ist das?

In Zeiten von asexuell, pansexuell oder sapiosexuell kann man schon mal den Überblick verlieren. Das neueste Wort, das uns über den Weg gelaufen ist: demisexuell. Was ist das? Wir klären auf. 

Inhalt
  1. Was ist demisexuell?
  2. Wie entsteht Demisexualität?
  3. Wann zeigt sich diese Orientierung?
  4. Fehlinterpretationen durch andere Menschen
  5. Der Unterschied zu Asexualität
  6. Wie finden sich demisexuelle Partner?
  7. Warum die Begriffe wichtig sind

Demisexuell! Zugegeben - mein erster Gedanke bei diesem Wort war: Was ist das denn jetzt wieder? Denn die Vielfalt an Begriffen, wie in Sachen Liebe und Sex oder Beziehungsgestaltung bestimmte Vorlieben und Abneigungen definiert werden, ist mittlerweile schon für den ein oder anderen etwas verwirrend. Eine kleine Auswahl wäre asexuell, pansexuell oder sapiosexuell. Oder eben demisexuell. 

Also versuchen wir, etwas Licht ins Dunkel zu bringen, was im Fall von Demisexualität durchaus knifflig ist, weil es viele Möglichkeiten gibt, wie sie gelebt werden kann.

 

Was ist demisexuell?

Der Begriff Demisexualität versucht die Menschen zu erfassen, die nur dann eine sexuelle Anziehung zu anderen Menschen verspüren, wenn sie zu diesen Menschen eine tiefe emotionale Bindung aufgebaut haben. Ein demisexueller Mensch würde demnach nicht mal auf die Idee kommen, mit einer neuen Discobekanntschaft spontan zu knutschen oder jemanden für eine schnelle Nummer bei Tinder aufzureißen. Sie schwärmen auch eher nicht für Stars oder von Menschen aus dem sozialen Umfeld, die vielleicht von vielen anderen Personen als sexy wahrgenommenen werden.

Die tiefe und sich meist über einen längeren Zeitraum aufgebaute enge Bindung zu einem Menschen ist für sie Voraussetzung für sexuelle Anziehung, jedoch kein Garant dafür, dass eine sexuelle Anziehung entsteht. Ihr Interesse liegt vor allem darin, sich intensiv kennenzulernen, sich geborgen und verstanden zu fühlen. Es ist also mehr ein romantisches Interesse als eines, das konkret auf Sexualität abzielt.

 

Wie entsteht Demisexualität?

Demisexualität ist wie Homosexualität nichts Selbstgewähltes. Die Menschen haben sich also ihre Art der Sexualität nicht ausgesucht, weil sie sie irgendwie überzeugend oder en vogue finden. Sie empfinden einfach so. Das bedeutet auch, dass ihre Orientierung nicht aus Prüderie oder asketischer oder sexfeindlicher Haltung im Elternhaus heraus entstanden ist. Sie kann auch nicht mit Zurückhaltung in der Anbahnung von Körperlichkeiten in einer Beziehung interpretiert werden, die oft auch als "typisch weiblich" verklärt wird.  Denn diese vermeintlich weibliche Art dr Zurückhaltung ist in gewisser Weise eine persönliche Entscheidung und keine sexuelle Orientierung.

 

Wann zeigt sich diese Orientierung?

Schon junge Menschen auf der Suche nach der zu ihnen passenden Sexualität empfinden demisexuell, stoßen jedoch selten auf Verständnis. Ihre Zurückhaltung, was das Interesse an Sexualität und das ganze Tamtam darum angeht, wird von denen nicht verstanden, die sich selber zu den Normalen zählen. Anfangs verstehen viele Demisexuelle oft selber nicht genau, was bei ihnen von der sexuellen Orientierung her überhaupt los ist. Denn zunächst bemerken sie vor allem, dass sie offenbar "anders" sind, aber keine Begrifflichkeit dafür kennen.  

Wie sie ticken" und dass dies auch einen Namen hat, ist oft erst das Ergebnis längerer eigener Recherchen. Denn selbst im Netz sind die guten Beiträge zu diesem Thema noch überschaubar und auch in der für Vielfalt aufgeschlossenen LSBTIQ*-Szene (Lesbisch Schwul Bi Trans* Inter* Queer) ist Demisexualität noch keine selbstverständliche Begrifflichkeit oder Orientierung.

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Fehlinterpretationen durch andere Menschen

Viele junge Demisexuelle, die eben ein anderes Sexualverhalten an den Tag legen als das Gros ihrer Umwelt, werden häufig entweder als Spätzünder abgetan oder man unterstellt ihnen Prüderie. Manche junge Demisexuelle sind schon darauf gekommen, dass noch viel mehr Menschen auf der Welt so fühlen und können es bereits benennen. Diese jungen Menschen haben dann wiederum manchmal das Pech, dass sie als Wichtigtuer oder Spinner abgetan werden, wenn sie sich nach außen zu ihrer Demisexualität bekennen.  Oder man sagt ihnen auf den Kopf zu, dass sie noch zu jung seien, um sich in dieser Hinsicht festzulegen.

 

Der Unterschied zu Asexualität

Es gibt auch Menschen, die gar keine Lust auf Sex entwickeln und die Sexualität überhaupt nicht interessiert. Sie werden unter dem Begriff der Asexualität zusammengefasst. Und weil Demisexuelle auch Phasen haben, in denen Sex gar keine Rolle für sie spielt, wird ihre Orientierung oft als Nuance von Asexualität beschrieben. Auch unter den Demisexuellen gibt es natürlich wieder Unterschiede im Ausleben von Sexualität. Manche haben Sex, manche nicht. Manche finden es gut, manche lehnen Sexualität ab. Natürlich gibt es auch homosexuelle Demisexuelle. Die Vielfalt ist auch hier wieder groß und die Übergänge von Definition zu Definition fließend oder mit großer gemeinsamer Schnittmenge.

 

Wie finden sich demisexuelle Partner?

Da im heutigen Datingleben die zügige Sexanbahnung einen hohen Stellenwert hat, ist es für Demisexuelle schwer, auf diesem Wege einen Treffer mit dem Wunsch nach einer Beziehung zu landen. Denn es kann lange dauern und ist ungewiss, ob dann überhaupt eine sexuelle Anziehung entstehen wird. So lange wollen nicht alle Dates warten.

Um sich diesem Stress nicht aussetzen zu müssen, hoffen viele darauf, dass sich aus (neuen) Freundschaften eines Tages eine Beziehung entwickeln wird, die lange platonische Phasen aushält, was kuscheln nicht ausschließt, und in der dann vielleicht auch eines Tages sexuelles Verlangen und als schön empfundener partnerschaftlichen Sex enthalten sein kann. Denn es ist nicht so, dass Demisexuelle den Sex nicht genießen können, wenn sie das Verlangen danach haben. Doch das Verlangen ist nun mal für sie die Voraussetzung. Sex nur dem Partner zuliebe klappt auch hier nur im Sinne eines schlechten Kompromisses.

 

Warum die Begriffe wichtig sind

Man könnte ja auf die Idee kommen, zu sagen: Jeder nach seiner Façon. Wozu all die Begriffe? Da ist zwar was dran. Aber das fällt besonders denen leicht zu sagen, die sich als "die Normalen" definieren. Wenn man jedoch nicht zu den "durchschnittlichen Heteros" gehört, gibt es anderen ein gutes Gefühl, auch für ihre eigene Art von Sexualität ein Wort zu haben. Andernfalls bleibt unfassbar, für was wir keine Worte haben. Dabei geht es so vielen Menschen so, die überwiegend erleichtert sind, wenn sie davon erfahren, dass ihre Orientierung einen Namen hat und es anderen genauso geht. Und das spricht sich zum Glück immer weiter rum.

Autorin: Marthe Kniep

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