Ist Erziehung heute schwerer als früher? Ein Blick auf Fakten und Gefühle
Schlafmangel, ein stressiger Alltag und finanzielle Sorgen gab es früher auch schon. Trotzdem fühlt sich heute jede dritte Mutter und jeder vierte Vater stark belastet. Unsere Autorin – selbst Mutter – fragt sich: Ist Erziehung heute schwerer als früher?

- Warum sich Erziehung heute oft so anstrengend anfühlt: Fakten & Zahlen
- Erziehung heute schwerer durch Mental Load und Care-Arbeit
- Erziehungsstile im Wandel: Von autoritär zu autoritativ und bindungsorientiert
- Bedürfnisorientierte Erziehung: "Attachment Parenting" kostet Eltern Kraft
- Erziehung ist heute schwerer – und Social Media ein Grund
- Vergleichsdruck: "Gute Erziehung“ wird zur Leistung
- Erziehung: Was sich seit „früher“ verändert hat
- Fazit: Erziehung ist heute schwerer als früher – und gut ist gut genug
„Früher, da sind Kinder einfach so mitgelaufen.“ Ein Satz, den ich schon öfter mal gehört habe. Von den eigenen Eltern, von den Großeltern. Ja, früher, da hat man das Baby in den Nebenraum gestellt und ein Zimmer weiter mit Freunden eine Party gefeiert. Früher, da haben die Nachbarschaftskinder den ganzen Nachmittag draußen miteinander gespielt. War früher etwa doch alles besser – und Erziehung einfacher als heute?
Nicht selten fühle ich mich als Mutter einer vierjährigen Tochter häufig erschöpft, ich bin angespannt. Ich liebe mein Kind, natürlich. Und dennoch: Elternsein empfinde ich als die größte Herausforderung meines Lebens. Wie kommt das? frage ich mich als Millennial-Mama.
Was sich zwischen Social Media, Mental Load, dem Druck durch Vereinbarkeit von Beruf und Kindern, Klimakrise und Kriegsmeldungen verändert hat, an welchen Stellen Erziehung wirklich schwieriger geworden ist (und an welchen Stellen auch leichter), erklären wir anhand von Studien und Experten in diesem Artikel.
Warum sich Erziehung heute oft so anstrengend anfühlt: Fakten & Zahlen
Studien belegen, dass Eltern heute mehr Druck spüren und Erziehung heute anspruchsvoller ist als früher. So fühlt sich laut einer Umfrage der Kröber-Stiftung jede dritte Mutter (33 Prozent) und jeder dritte Vater (24 Prozent) stark belastet.
Viele Eltern spüren im Vergleich zu früher höhere Erwartungen an ihre Rolle und empfinden das Elternsein als schwierig. Forscher sprechen von einer „Intensivierung der Elternschaft“.
Laut dem Bericht „Elternsein in Deutschland“ des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend lässt sich diese Intensivierung vor allem dadurch erklären, dass in Deutschland zwischen 2001/2002 und 2012/2013 ein deutlicher Anstieg der täglichen Zeit zu beobachten ist, die Eltern für die Betreuung und Erziehung ihrer Kinder aufwenden. Besonders Mütter verbringen heute mehr Zeit mit ihren Kindern – sie beaufsichtigen sie, spielen mit ihnen und lesen ihnen vor.
Dazu zähle ich mich auch. Ich jongliere (wie so viele Eltern und vor allem Mütter) die Stunden zwischen Arbeitszeit am Laptop und Kita-Abholung. Dann spiele ich mit meiner Tochter ein Spiel, wir malen, fahren zum Musikkurs oder ich lese ihr vor.
Auch ein Report der Friedrich-Ebert-Stiftung (2025) zeigt, dass Eltern mit kleinen Kindern in ihrer „Rushhour des Lebens“ eine hohe Belastung erleben. „Empirische Daten zeigen, dass Eltern mit mindestens einem Kind unter sechs Jahren regelmäßig über 60 Wochenstunden Gesamtarbeitszeit leisten“, heißt es in der Studie.
Diese Phase betreffe Eltern aller sozialen Gruppen und entstehe zunehmend häufiger, weil heute mehr Mütter erwerbstätig seien. Während das vor 30 Jahren noch rund 60 Prozent der Mütter waren, sind es heute über 80 Prozent. Die Erwerbsquote der Väter wiederum liegt weiterhin bei 96 Prozent.
Erziehung heute schwerer durch Mental Load und Care-Arbeit
Womit wir beim Gender-Care-Gap sind. Frauen arbeiten mehr als Männer, rechnet man die Stunden der Care-Arbeit mit ein. Aktuell beträgt die Differenz der Zeit, die Frauen für unbezahlte Sorgearbeit (Kinderbetreuung, Pflege, Haushalt) aufwenden, 43,4 Prozent. Pro Woche beträgt der Zeitaufwand für unbezahlte Arbeit bei Männern rund 20 Prozent, bei Frauen sind es rund 30 Prozent. Immerhin: Noch vor zehn Jahren lag der Gender-Care-Gap bei 52,4 Prozent.
Obwohl mein Mann in Teilzeit 32 Stunden arbeitet, bin ich, sind wir, nicht selten überfordert. Wie kann das sein? Mental Load ist ein Grund. Vor allem Mütter sind von Mental Load betroffen, wie dieser umfassende Report der Hans-Böckler-Stiftung (2023) zeigt. Mental Load beschreibt die alltägliche Denkarbeit. Sie umfasst Planung und Organisation von Haushaltstätigkeiten, Einkäufen, Koordination von Terminen. Während Frauen mit 62 Prozent die überwiegende Last tragen, liegt sie bei den Männern bei nur 20 Prozent.
Dass die alltäglichen Verpflichtungen viele Eltern überfordern, bestätigt auch Bettina Müller, Psychologin und Erziehungsberaterin beim Kinderschutzbund Ulm.
Im Interview mit ZEIT am Wochenende (Ausgabe 24/2025) sagt Müller: „Ich erlebe viele Eltern heute als erschöpft. Und als sehr bemüht, alles gut hinzukriegen: Sie haben ihre Jobs, ein oder zwei Kinder. Der Job ist fordernd, die Kinder auch. Sie kümmern sich um ihre Freundschaften und um die der Kinder, um die Paarbeziehung.“ Ständig komme etwas Neues dazu, der wöchentliche Logopädie-Termin, die Besuche beim Kieferorthopäden. „Das ist eine richtig große Anstrengung, die niemand würdigt.“
Erziehungsstile im Wandel: Von autoritär zu autoritativ und bindungsorientiert
Um die Frage zu beantworten, ob Erziehung heute schwerer ist als früher, müssen wir einen Blick auf die Entwicklung der Erziehungsstile werfen.
Noch bis in die 60er-Jahre war der autoritäre Erziehungsstil in Familien üblich. „Ein Erziehungsstil, bei dem die Eltern hohe Anforderungen stellen, aber wenig auf die Kinder eingehen“, heißt es in dem Buch „Entwicklungspsychologie im Kindes- und Jugendalter“ (5. Aufl., 2021). „Autoritäre Eltern reagieren nicht auf die Bedürfnisse ihrer Kinder und neigen dazu, ihre Anforderungen durch die Ausübung elterlicher Gewalt und den Einsatz von Drohungen und Strafen durchzusetzen.“
Heute weiß man durch pädagogische Bücher und Expert*innen: Ein autoritärer Erziehungsstil hinterlässt seelische Spuren bei Kindern. Der Großteil der heutigen Eltern-Generation (Millennials und Gen Z) erzieht ihr Kind nicht autoritär, sondern autoritativ und bindungsorientiert. Das bestätigt auch die Familienberaterin Julia Mensing gegenüber Wunderweib: „Statt autoritär zu erziehen, erlebt die bedürfnisorientierte Erziehung einen Aufschwung. Wir sind also die erste Generation, die bewusst bedürfnisorientiert erzieht.“
Bedürfnisorientierte Erziehung: "Attachment Parenting" kostet Eltern Kraft
Bedürfnisorientiert („Attachment Parenting“) heißt: Gefühle benennen, Co-Regulation, das Kind ernst nehmen. „Ich sehe dich, ich begleite dich, aber ich bestimme deine Grenzen.“ Dadurch lernt das Kind emotionale Stabilität, Resilienz und Selbstständigkeit; Persönlichkeit und soziale Kompetenz werden langfristig gestärkt.
Anders als in der Babyboomer-Generation und weit davor gehen Eltern heute in einen Dialog mit ihrem Kind. Eltern verwenden große Mühen darauf, um mit ihm zu diskutieren, es zu begleiten, Kompromisse zu finden. Die Begleitung des Kindes, ihm durch verschiedene Emotionen zu helfen und den Zugang zu ihnen zu lehren, Grenzen zu setzen – das alles ist ein Kraftakt. Viele Eltern sind zudem verunsichert, ob sie alles richtig machen.
Sabine Walper, ehemalige Direktorin des Deutschen Jugendinstituts, forscht seit Jahrzehnten, wie sich das Leben mit Kindern in Deutschland verändert hat. Walper sagte in einem Zeit-Interview, dass wissenschaftliche Erkenntnisse über Erziehung „eine Gratwanderung zwischen der Aufklärung der Eltern einerseits und den Risiken einer Vereinfachung andererseits“ seien, die leicht zur „anstrengenden Botschaft“ werden könne.
Als Beispiel führt sie die Bindungstheorie von John Bowlby an, deren Basis die bindungsorientierte Erziehung bildet: „Sie ist zurzeit enorm populär, kommt aber oft falsch bei Eltern an. Sie haben verstanden, dass es elterliche Feinfühligkeit braucht, damit Kinder eine sichere Bindung entwickeln. Viele fühlen sich dadurch dauernd in der Verantwortung, die Bedürfnisse des Kindes optimal zu erfüllen.“
Dazu zählen wir uns auch. Wir diskutieren aus, was angezogen wird, wir lassen unserer Tochter Freiraum beim Gestalten des Nachmittags, wir lassen sie ihr Frühstück selbst machen und co-regulieren bei Wutanfällen. Das ist manchmal wahnsinnig anstrengend – weil wir unsere eigenen Bedürfnisse oftmals vergessen.
Damit sind wir offenbar nicht allein, wie Bettina Müller gegenüber der Zeit bestätigt: „Viele Eltern wollen sich heute ganz nach den Bedürfnissen ihrer Kinder richten, haben aber zugleich Schwierigkeiten, sich selbst dabei nicht aus dem Blick zu verlieren.“
Erziehung ist heute schwerer – und Social Media ein Grund
Ich frage mich oft: Wie schafft man es, sein Kind zu einem sozialen, empathischen und selbstbewussten Wesen zu erziehen, ihm genug Freiheiten zu geben, aber auch Grenzen zu setzen?
Lassen Mütter oder Väter dem Kind zu viel Freiraum („Free-Range-Parenting“), sind sie laissez-faire. Setzen Eltern klare Grenzen, werden sie als zu streng, gar autoritär abgestempelt. Spielen sie auf dem Spielplatz mit dem Kind, ohne es aus den Augen zu lassen, oder bringen das Kind bis zum Schuleingang und holen es wieder ab, ist der Begriff „Helikopter-Eltern“ nicht weit.
„Viele Eltern sind verunsichert, sie wissen nicht mehr, was richtig oder falsch ist“, sagt Julia Mensing, die als Grund auch den Gebrauch von Social Media nennt. „Wir sind überinformiert durch Instagram und TikTok. Es gibt Accounts, die sich ausschließlich mit dem Befüllen der Kinderbrotdosen beschäftigen, und solche, die sich auf Schlafberatung spezialisiert haben.“ Ungefragte Meinungen von Tante Erna gab es früher auch schon. Aber Social Media und Co. eben noch nicht.
Vergleichsdruck: "Gute Erziehung“ wird zur Leistung
Wir leben in einer Leistungsgesellschaft, was dazu führt, dass wir uns oft mit anderen Eltern vergleichen. Die Entwicklungsschritte der Kinder abgleichen. Der kleine Leo schläft schon mit zwei Jahren im eigenen Bett, während der eigene Nachwuchs mit sechs Jahren noch zwischen Mama und Papa schlummern darf.
Bettina Müller bestätigt im Zeit-Interview, dass Eltern sich schnell fragen: Was habe ich falsch gemacht? Die Psychologin glaubt, dass Eltern den Gedanken der Selbstoptimierung manchmal auf ihre Kinder übertragen. "Wir dürfen nichts versäumen in der Entwicklung unserer Kinder" sei ein Satz, den sie sehr oft höre. Das kennt auch Julia Mensing in ihren Beratungen. Die Familiencoachin stellt bei Eltern einen „permanenten Optimierungsmodus“ fest.
Dazu kommt: Viele der Generationen Y (und folgende) haben den Anspruch, das Großziehen des Kindes besser zu machen als ihre Eltern. Wollen nicht die gleichen Fehler machen, mit denen sie heute als Erwachsene kämpfen müssen. Sie reflektieren, stellen Fragen: „Bin ich eine schlechte Mutter?“, „Was, wenn ich mein Kind traumatisiere, weil ich es angeschrien habe?“, „Warum reagiere ich so wütend, wenn mein Kind wütend ist?"
Das kenne ich auch. Obwohl ich reflektiere, an mir arbeite und sicher bin, dass ich schon vieles richtig mache im Umgang mit meiner Tochter. Doch auch ich schreie mal, halte dem Wutanfall nicht stand, bin überreizt vom ständigen Geräuschpegel, den ein Kind mit sich bringt. Und ich habe den Anspruch, ein generationales Muster zu durchbrechen, komme aber gleichzeitig an meine (emotionalen) Grenzen – und stelle mich selbst und meine Erziehung infrage.
So leiden einer Studie der Pronova BKK zufolge zwei Drittel der Gen-Z-Eltern unter Versagensängsten in der Erziehung. „Gerade junge Eltern haben heute oft den Anspruch, alles perfekt zu machen – sie messen sich an einem Ideal, das im chaotischen Familienalltag kaum erreichbar ist“, sagt Nina Grimm, Familienpsychologin für die Pronova BKK. Wer das Gefühl habe, ständig zu scheitern, beginne irgendwann, an sich zu zweifeln, und stelle manchmal sogar die eigene Eignung als Mutter oder Vater in Frage.
Erziehung: Was sich seit „früher“ verändert hat
Neben einem Wandel der Erziehungsstile, einer höheren Erwerbstätigkeit bei Müttern und Vergleichsdruck gibt es weitere Aspekte, die dazu führen, dass die heutige Eltern-Generation erschöpft ist. Diese Faktoren unterscheiden sich in Aspekten von vor 30 Jahren maßgeblich:
Gesellschaft
Erziehung wird heute stark durch Mediennutzung, Leistungsdruck und durch die Vereinbarkeit von Beruf und Familie geprägt. Die Doppelbelastung aus Beruf und Kinderbetreuung hat sich geändert, denn die meisten Paare bekommen ihr erstes Kind später. „Die Elterngeneration zuvor fing schon viel eher damit an, mit Anfang 20, und hatte dann mit Mitte 30 die Familiengründungsphase oft schon hinter sich gebracht“, erklärt der Familienforscher Hans Bertram in einem Interview mit Geo.
„Gerade bei hochqualifizierten Frauen und Männern fallen Kindererziehung und wichtige Karriereschritte heute oft zusammen. Bei deren Eltern waren diese beiden Phasen stärker verschoben – und die Doppelbelastung kürzer.“
Heute ist die Doppelbelastung für Eltern laut Bertram weitaus höher. Gleichzeitig wird mehr über Eltern-Tabus gesprochen, professionelle Hilfe in Anspruch genommen und die Betreuungsmöglichkeiten sind gestiegen, wenngleich der Personalnotstand in Kindertagesstätten alarmierend ist und Eltern ihr Kind aufgrund von Notbetreuung nicht selten zu Hause betreuen müssen. Mit der gesteigerten Erwerbsfähigkeit ist das oftmals schwer in Einklang zu bringen.
Soziales Netzwerk
Früher waren die Familien größer, es gab mehr Kontakt zu Kindern. Eltern lernten beiläufig, was normal ist und wo Handlungsbedarf besteht. Es gab mehr Mehrgenerationenhäuser als heute. Generationsforscher, Psychologe und Autor Rüdiger Maas erklärt gegenüber Wunderweib, wie sich das heute darstellt: „Der Abstand zwischen den Familiengenerationen ist heute größer und der Unterschied des Aufwachsens ebenfalls, da dank Digitalisierung heutige Kinder eine völlig andere Lebenswirklichkeit erleben, als ihre Eltern noch hatten, als sie selbst Kind waren.“
Daher fragen sie ihre eigenen Eltern nicht mehr um Rat, so Maas, da diese ja noch weiter weg von der veränderten Lebenswirklichkeit seien und ihre Tipps dadurch wie aus der Zeit gefallen wirkten. „Die Folge davon ist, dass 80 bis 90 Prozent der heutigen Eltern alle Dinge, die ihr Kind betreffen, googeln und ihre Babyboomer-Eltern nicht so viel teilhaben lassen an ihrer Erziehung. Treffen mit Großeltern sind mehr koordiniert und abgesprochen, man greift nicht in der Automatik auf die eigenen Eltern zurück, sondern nutzt Erziehungsratgeber, das Internet oder WhatsApp-Gruppen.“
Aktuelles Weltgeschehen
Auch die Generation der Babyboomer und die Generation X wurden mit weltlichen Problemen konfrontiert. „Jede Generation hat ihre eigenen spezifischen Probleme und Ängste. Allerdings halte ich die Fülle der derzeitigen Bedrohungslagen schon für sehr massiv“, sagt die Diplom-Sozialpädagogin und Kinder- und Jugendtherapeutin Cordula Klaffs gegenüber Wunderweib.
Klaffs spricht die weltweite Pandemie an, die noch heute Auswirkungen auf uns hat. Und: „Wir leben in einer weitgehend ungebremsten Klimakatastrophe, die vertraute Weltordnung steht auf dem Kopf und ordnet sich gerade neu, es gibt viele bedrohliche kriegerische Auseinandersetzungen und die Digitalisierung verändert unser Denken und Handeln.“
Medienkonsum
Früher musste man die Eltern nach dem Festnetztelefon fragen, wenn man die Freundin anrufen wollte. Heute schreiben die Kinder WhatsApp-Nachrichten. Eltern handeln Zeiten der Bildschirmnutzung aus, müssen wachsam sein, damit es nicht zur Sucht kommt. Der Konsum ist gestiegen, die Digitalisierung ein Dauerthema in heutigen Familien, die viele Eltern überfordert, wie ein Bericht der Konrad Adenauer Stiftung zeigt.
Rollenbilder
Der Mann als Ernährer, die Frau als Hausfrau, die sich um die Kinder kümmert. Frauen gehen heute häufiger einer Erwerbstätigkeit nach, Männer übernehmen mehr Verantwortung im Familienalltag, wenngleich dieser Aspekt absolut ausbaufähig ist. Der zeitliche Umfang, den Väter für die Kinderbetreuung aufbringen, ist im Vergleich zu 2012/2013 um rund eine halbe Stunde pro Tag gestiegen. Der Väterreport von 2023 zeigt, dass die Mehrheit der Väter (63 Prozent) sich gleiche berufliche Chancen und die finanzielle Unabhängigkeit beider Elternteile sowie eine partnerschaftliche Aufteilung der Kinderbetreuung wünscht. „Doch gleichzeitig verharrt mehr als die Hälfte der Väter in tradierten Vorstellungen der Mutter- und Vaterrolle im Hinblick auf das Verhältnis von Kinderbetreuung und Erwerbstätigkeit“, heißt es in dem Bericht.
Dazu kommt, dass Arbeitsmarktrealitäten eine partnerschaftliche Aufteilung erschweren, denn es wird Frauen in der Arbeitswelt immer noch zu schwer gemacht, ein Kind großzuziehen und gleichzeitig Karriere zu machen. Deutschland ist also ein Land mit fortbestehenden patriarchalen Strukturen, die sich in strukturellen Benachteiligungen in der Politik, Wirtschaft und im Alltag wiederfinden.
Erwartungen
Die Erwartungen an Mütter und Väter sind groß; beide Elternteile sind mit hohen Ansprüchen an die Erziehung konfrontiert. Die heutigen gesellschaftlichen Erwartungen an Erziehung finden sich in Leistung und Bildung, Wertevermittlung (z. B. Umweltbewusstsein schaffen) wieder. Eltern stehen einer intensiveren und zeitaufwendigeren Erziehung gegenüber, die ein hohes Maß an Engagement erfordert.
Eigene Bedürfnisse im Blick behalten: Wir Eltern müssen Kraft sammeln, um Energie für unser Kind zu haben. Dafür ist es zwingend notwendig, sich einmal am Tag um die eigenen Bedürfnisse zu kümmern. Ein Spaziergang reicht manchmal schon. Regelmäßige Pausen ohne Smartphone in der Hand einlegen – und wenn es nur 10 Minuten sind, bevor das Kind aus der Kita abgeholt wird – hilft, das Nervensystem zu beruhigen. Die Direktorin des Deutschen Jugendinstituts, Sabine Walper, sagt: „Auch wenn es schwierig ist: Kinder müssen die Erfahrung machen, dass auch andere Menschen, dass auch ihre Eltern, Bedürfnisse haben. Und sie müssen lernen, diese zu respektieren." Etwas zu tun, was dir allein guttut, hilft einen Mama-Burnout zu vermeiden.
Zeitmanagement-Hacks für Eltern: Prioritäten setzen (was ist heute wichtig und was nicht ganz so dringend?), einen Wochenplan mit dem Partner/der Partnerin erstellen, realistische Ziele setzen (die To-do-Liste für den Tag lieber kürzer halten) und Apps wie den Outlook-Kalender oder Money Manager nutzen.
Über Mental Load reden: Vor allem beim Thema Mental Load geht es darum, dass Mütter ihrem Partner/der Partnerin nicht sagen wollen müssen, dass der Elternabend ansteht, dass das Kind neue Turnschuhe braucht und die Milch wieder leer ist. Sie sollen es selbst sehen – und genau das ist das Problem. Über Mental Load zu sprechen, kann ein erster Schritt sein, damit sich etwas ändert. Liegen die Probleme tiefer, kann professionelle Hilfe sinnvoll sein.
Termine absagen und Zeit verbummeln: Der Schwimmkurs steht an, die Tasche muss noch gepackt werden und eigentlich sind du und dein Kind zu müde dafür heute? Um Druck rauszunehmen, hilft es, Termine abzusagen und Zeit einfach mal zu verbummeln. Sozialpädagogin Cordula Klaffs hat einen Tipp. Sie sagt gegenüber Wunderweib: „Machen Sie einmal in der Woche einen Trödelspaziergang mit Ihrem Kind, auf dem Sie Ihr Ziel nicht in Rekordgeschwindigkeit erreichen müssen, sondern auf dem es erlaubt ist, sich nach einem interessanten Glitzersteinchen zwischen zwei Gehwegplatten zu bücken.“ Klingt banal, entschleunigt aber enorm.
Fazit: Erziehung ist heute schwerer als früher – und gut ist gut genug
Früher sind Kinder einfach so mitgelaufen, weil sie es mussten. Sie wurden nicht gefragt. Das ist heute anders – und das ist auch gut so. Erziehung ist heute schwerer als früher. Nicht zuletzt auch, weil die heutige Elterngeneration genauer hinsieht, kommuniziert, weil alle Gefühle ihren Platz haben dürfen, Probleme angesprochen werden und Bedürfnisse beachtet werden.
Nicht selten stehen wir uns selbst im Weg. Weil da diese Stimme im Kopf ist, die uns sagt: höher, schneller, weiter. Der innere Kritiker, dem das, was wir leisten, nicht ausreicht. Glaubenssätze, die lauter sind als unsere Kinder.
Doch sicher ist: Auch wir werden niemals alles richtig machen. Wir sind Menschen, wir sind nicht perfekt – und perfekt gibt es ja ohnehin nicht. Auf sein eigenes Bauchgefühl zu hören, kann uns in die richtige Richtung lenken. Sich immer wieder zu vergegenwärtigen: Ich tue mein Bestes und gut ist gut genug.

Julia Mensing ist ausgebildete Familiencoachin auf selbstständiger Basis und arbeitet nebenbei im Familienzentrum Vennmühle in Nordrhein-Westfalen. Ihr Fokus ist die bindungs- und bedürfnisorientierte Erziehung mit Klarheit und Herz. "Bedürfnisorientiert heißt für mich nicht, dass immer alles harmonisch laufen muss – sondern dass wir versuchen, die echten Bedürfnisse hinter dem Verhalten zu verstehen. Von Kindern und genauso von uns Erwachsenen."
Mehr Informationen zu Julia und ihren Angeboten findest du unter: juliamensing.de

Cordula Klaffs ist Diplom-Sozialpädagogin und Kinder- und Jugendtherapeutin. Sie bietet Beratung, Fortbildung und Coaching in Berlin an.
Mehr Informationen: Cordulaklaffs.de

Dr. Rüdiger Maas ist Diplom-Psychologe, Generationenforscher und Autor diverser Sachbücher, darunter „Generation lebensunfähig: Wie unsere Kinder um ihre Zukunft gebracht werden.“
Außerdem hält Rüdiger Maas Keynotes, gibt Workshops und ist Gründer des Instituts für Generationenforschung. Mehr Informationen unter: ruedigermaas.de
Quellen
https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Einkommen-Konsum-Lebensbedingungen/Zeitverwendung/Methoden/zeitverwendung.html (Abgerufen: 25.03.2026)
https://koerber-stiftung.de/projekte/elternumfrage/eltern-im-fokus-2025/ (Abgerufen: 25.03.2026)
https://www.fes.de/themen/soziales/eltern-in-der-rushhour-des-lebens-entlasten (Abgerufen: 25.03.2026)
https://www.zeit.de/2025/25/erziehung-eltern-kinder-beduerfnisse-empathie-grenzen/komplettansicht (Abgerufen: 25.03.2026)
https://www.boeckler.de/de/faust-detail.htm?sync_id=HBS-008679 (Abgerufen: 25.03.2026)
https://www.destatis.de/DE/Themen/Querschnitt/Gleichstellungsindikatoren/gender-care-gap-f33.html (Abgerufen: 25.03.2026)
https://www.zeit.de/2025/41/sabine-walper-familie-forschung-erziehung-eltern (Abgerufen: 25.03.2026)
https://www.geo.de/wissen/gesundheit/soziologie-die-erschoepfte-generation-warum-es-junge-eltern-heute-so-30179988.html (Abgerufen: 26.03.2026)
https://www.pronovabkk.de/unternehmen/presse/pressemitteilungen/pressemitteilungen-2025/2-3-der-gen-z-eltern-haben-versagensaengste.html (Abgerufen: 26.03.2026)
https://www.bke.de/sites/default/files/migrated/newsletter/2013/februar/erziehung_in_der-wohlstandsgesellschaft.pdf (Abgerufen: 26.03.2026)
https://www.kita-fachtexte.de/fileadmin/Redaktion/Publikationen/KiTaFT_kirschke_hoermann_2014.pdf (Abgerufen: 30.03.2026)






