EinnässenMein Kind macht wieder ins Bett, was kann ich tun?

Das Kind war schon längere Zeit trocken und nässt nun plötzlich wieder ein? Unsere Expertin Marthe Kniep gibt Tipps, was es jetzt zu beachten gibt.  

Inhalt
  1. Nächtliches Einnässen ärztlich abklären
  2. Mein Kind macht wieder ins Bett: Seelische Ursachen
  3. Was Einnässen symbolisch zum Ausdruck bringen kann
  4. Warum professionelle Hilfe wichtig ist
  5. Das kannst Du tun

Viele Eltern freuen sich mit gewissem Stolz, wenn sie endlich sagen können: "Mein Kind ist jetzt trocken. Auch nachts!" Umso mehr trifft es Familien, wenn das Kind doch plötzlich wieder nachts mit nassem Pyjama am elterlichen Bettrand steht oder beim Wecken am Morgen ein unangenehmer Pipigeruch in die Nase steigt, weil das Bett nass ist. Was Kindern hilft, die im Schlaf wieder einnässen, obwohl sie schon längere Zeit trocken waren, erklärt uns die Systemische Familientherapeutin Marthe Kniep aus dem Süden Hamburgs.

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Nächtliches Einnässen ärztlich abklären

War ein Kind um die sechs Jahre oder älter bereits über einen Zeitraum von mindestens sechs Monaten trocken und nässt es dann doch wiederholt in der Nacht ein, sprechen Ärzte von einer „sekundären Enuresis nocturna“. In den meisten Fällen liegen seelische Ursachen zugrunde. Denn das Kind hat ja offenbar zumindest am Tage die Fähigkeit, seine Blase zu steuern. Deshalb schließt ein „Rückfall“ zum Einnässen in der Nacht viele körperliche Ursachen aus.

Doch selbst wenn Eltern vielleicht ahnen, dass tatsächlich besondere Umstände im sozialen Umfeld des Kindes das Einnässen begünstigen, ist immer eine medizinische Abklärung wichtig, um nichts zu psychologisieren, was schlichtweg organisch bedingt ist. Ganz allgemein kann Einnässen nämlich auch mit körperlichen Problemen wie Verstopfung, Fehlbildungen im Urogenitalbereich, Entzündungen oder gar Diabetes zusammenhängen.

Der richtige Arzt für die Abklärung ist der Kinderarzt oder Urologe. Er macht unter anderem eine Urinprobe und Ultraschall. Oft wird angeraten, dass das Kind ein „Pipi-und-Trink-Protokoll“ führt. So gewinnen Arzt und Familie einen Überblick, wie oft das Kind einnässt und wann vor allem nicht.  Dadurch können manchmal Zusammenhänge erkannt werden, wie zum Beispiel Häufungen an bestimmten Wochentagen und so weiter. Das können kleine Hinweise sein, wo es Aufmerksamkeit braucht, was förderlich für die Kontrolle der Blase ist und was eher nicht.

Wenn beim Arzt kein organisches Problem zu finden ist, ist die nächste Adresse eine Familienberatungsstelle oder ein Psychotherapeut, um herauszufinden, was das Kind belastet.

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Mein Kind macht wieder ins Bett: Seelische Ursachen

Wenn Kinder aus einem bereits geschafften Entwicklungsschritt zurückfallen und wieder Verhalten aus früheren Entwicklungsphasen wie das Einnässen zeigen, liegen oft seelische Belastungen zugrunde, die aus ganz unterschiedlichen Richtungen kommen können.

Im therapeutischen Rahmen tauchen bestimmte Umstände gehäuft auf, die ursächlich für das Einnässen des Kindes zu sein scheinen: überfordernde Patchwork-Konstellationen, erlebte Übergriffigkeit (körperliche oder psychische Gewalt/Mobbing), schwere Krankheit eines geliebten Menschen oder Trauer im Lebensumfeld, Leistungsdruck, überwältigende Erlebnisse (auch positive) und Probleme bei der Bewältigung anstehender Entwicklungsschritte.

Deshalb besteht ein großer Teil der therapeutischen Arbeit daraus zu schauen, was bei einer Familie los war oder ist, was jeder Einzelne zu bewältigen hat, wo ein Prozess stockt oder schwierig ist, wie anerkannt und getadelt wird oder auch mit Enttäuschungen umgegangen wird. Oft ergeben sich sehr schnell entscheidende Hinweise, wo die Familie Unterstützung braucht.

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Was Einnässen symbolisch zum Ausdruck bringen kann

Eltern können aber auch zunächst ganz für sich überlegen, was das Verhalten des Kindes vielleicht zum Ausdruck bringt. Dabei ist es manchmal hilfreich, die Funktion der Blase symbolisch zu betrachten und zu überlegen, was auf das Kind oder die familiäre Situation zutreffen könnte.

Denn der nächtliche Kontrollverlust über die Blasenentleerung steht sehr häufig dafür, dass das Kind „unter Druck“ steht, und diesen nicht gut (allein) regulieren kann. Oder, dass es mal „etwas ablassen“ müsste, was ihm vielleicht bisher noch nicht möglich oder verboten war.

Vielleicht ist auch das „Loslassen“ von etwas konflikthaft oder „das Innere nach außen“ bringen auf kontrollierte Weise gerade schwer herzustellen. Oft passiert dies, wenn das Thema Leistung (Schule) und „zum Großwerden gezwungen sein“ - wie bei der Geburt eines Geschwisterkindes - in das Leben eines Kindes kommen.

Manchmal gibt es auch den vielleicht noch unausgesprochenen Wunsch, dass sich jemand ganz nach Volksmund am liebsten „verpissen“ möchte oder sollte. In vielen Fällen hat sich aber auch gezeigt, dass das Einnässen Ausdruck bisher „ungeweinter Tränen“ war. Also dafür, dass ein Trauerprozess noch nicht reif bewältigt werden konnte.

Bedenken sollten Eltern dabei, dass Kinder häufig auch Gefühle anderer Familienmitglieder in sich aufnehmen. Es können sich deshalb auch durchaus erhöhter Stress oder Traurigkeit der Eltern oder Spannungen in der elterlichen Beziehung in Form von Regulationsproblemen der Blase des Kindes niederschlagen. Selbst dann, wenn Eltern vor dem Kind nicht über diese Probleme sprechen! Denn Kinderseelen spüren mehr, als wir Großen oft vermuten.   

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Warum professionelle Hilfe wichtig ist

Die Frage nach dem „Warum?“ von Mutter oder Vater an das Kind ist oft nicht zielführend und eher beschämend und frustrierend. Denn es ist ja in den meisten Fällen ein Phänomen, dass zu einer Zeit auftritt, in der das Unterbewusste des Kindes arbeitet, es den Tag im Traum verarbeitet und sich dabei nicht selten mit seinen Ängsten auseinandersetzt.

Liebevolles Nachfragen, was das Kind gerade beschäftigt, ist trotzdem sinnvoll. Doch das muss nicht im direkten Zusammenhang im Sinne von „Ist es, weil…?“ passieren. Vielmehr geben offene Fragen Hinweise, wie zum Beispiel:  

"Machst du dir gerade wegen etwas Sorgen? Hattest du Ärger in der Schule? Kann es sein, dass du dir gerade Sorgen machst, weil du in Mathe noch nicht alles verstehst? Oder auch: Papa und ich haben uns neulich sehr gestritten. Das hast du vielleicht mitbekommen. Wir haben uns wieder vertragen. Aber vielleicht machst du dir ja noch Gedanken deswegen? Kann das sein?" Manchmal ist es auch gut in Schule oder Betreuungseinrichtung nachzufragen, ob es gerade Konflikte gibt. Das Spektrum der Möglichkeiten ist groß.

Weil das Thema oft schambesetzt ist und nicht selten Tabus berührt werden, ist es oft hilfreich, einen Fachmann oder eine Fachfrau zu Rate zu ziehen. Therapeuten und Berater, die sich auf dieses Thema spezialisiert haben, wissen genau, wie sie mit Eltern und Kind reden müssen, damit gemeinsam eine Lösung gefunden wird.

Je eher der Schritt gewagt wird, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen, desto weniger „Enttäuschungen“ müssen Familien oftmals bei dem Versuch erleben, das Problem selber in den Griff zu bekommen.

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Das kannst Du tun

Da die Ursachen sehr vielfältig sein können, sollten auch die Lösungswege für Familien immer maßgeschneidert werden. Und nicht selten hilft die Ergänzung einer systemischen Familientherapie- oder Beratung mit anderen Methoden, die Entspannung und Achtsamkeit in der Familie fördern. Deshalb kann nicht der eine perfekte Weg zum Trockenwerden beschrieben werden. Doch was sich bewährt hat, geben wir gern weiter:

1. Was Eltern weglassen sollten  

Es gibt unterschiedliche Haltungen unter den Fachleuten, wie mit dem Einnässen umgegangen werden sollte. Ich habe bei sekundärer Enuresis gute Erfahrungen mit folgenden Empfehlungen gemacht, die von vielen systemischen Kollegen geteilt werden: keine Klingelhose (sie klingelt ja erst, wenn die Pipi läuft), keine Trainer-Windeln zu Hause (besser durchlaufsichere Matratzenauflagen), kein Wecken um Mitternacht um das Kind zum Klo zu tragen, keine Trinkpause am Abend, kein Bestrafen, kein Koffein (harntreibend)! Daraus entsteht kein hilfreicher Lernprozess und es stört den Schlaf oder ist schlecht für die Gesundheit. Stattdessen kommt es darauf an, dass die Innenwelt des Kindes richtig angesprochen wird.

2. Mitarbeit der Eltern

Es sind vor allem die Eltern, die gefragt sind, für das Kind die Umgebung und Zuwendung oder Unterstützung zu schaffen, die es braucht, um wieder trocken zu werden. Genau aus diesem Grunde ist die Systemische Familienberatung oder -Therapie auf diesem Gebiet sehr hilfreich. Sie unterstützt die Eltern darin, diese Bedingungen soweit es geht wiederherzustellen und das Kind zu stärken. Das ist oft mit Arbeit an der eigenen Persönlichkeit oder schwierigen Familienthemen verbunden. Manchmal kann die gute Mitarbeit der Eltern das Kind so entlasten, dass es gar nicht (jedes Mal) mit in die Sitzung muss und das Symptom trotzdem abklingen kann.

Ruhig, gelassen und empathisch für das Leiden des Kindes zu bleiben ist jetzt wichtig, damit sich das Kind trotz allem angenommen und geborgen fühlt. Denn genau das braucht es jetzt um trocken zu werden. Beim Elterngespräch mit dem Therapeuten können neben möglichen Lösungswegen jeglicher Unmut und auch alle Schamgefühle über das Einnässen des Kindes oder weitere „Rückschläge“ offen ausgesprochen werden, ohne das Kind damit zu belasten. Denn auch die elterlichen Gefühle brauchen ein Ventil und Beachtung, damit zu Hause angemessen damit umgegangen werden kann. Das ist manchmal der schwerste Teil für die Eltern, und dennoch ein ganz wichtiger!

3. Achtsamkeit für Kinder

Es ist eine elementare Entwicklungsaufgabe für Kinder, dass sie Wege lernen, ihre Sorgen und Ängste zu spüren, sie zuzulassen, zum Ausdruck zu bringen und gesund damit umzugehen. Wie gut diese Fähigkeit vorhanden ist, hat nebenbei bemerkt sehr wenig mit dem Intellekt zu tun, aber viel damit, wie gesunde Gefühlsregulation zu Hause vorgelebt wird.

Wo diese Fähigkeiten noch nicht so gut ausgebildet sind, helfen Methoden, die die Kinder in Achtsamkeit schulen. Beim sogenannten „Focusing mit Kindern“ ist es möglich, sich Gefühlen und Problemen zuzuwenden, ohne diese direkt aussprechen zu müssen. Es ist ein oft sehr kreativer Zugang, auf den sich viele Kinder gut einlassen können, gerade weil er nicht so direkt nach dem Problem fragt und dennoch immer lösungsorientiert ist. Es gibt aber auch andere wirksame Ansätze in diese Richtung.

4. Den Körper spüren und entspannen lernen

Manche Kinder haben wegen äußerer Einflüsse so viel innere Anspannung, dass sie sich selber gar nicht mehr in allen Feinheiten spüren können und die „Meldungen“ ihres Körpers nicht ausreichend wahrnehmen. Ihr innerer Energiefluss ist oft gestört oder blockiert. Dies kann sich auch auf die Regulation der Blase während der nächtlichen Entspannungsphase auswirken. Hier helfen ergänzend zur Therapie zum Bespiel Kinderyoga oder Shiatsu. Shiatsu hat den großen Vorteil, dass es weitgehend ohne Sprache auskommt, keine besondere Sportlichkeit erfordert und vor allem mit Kindern immer sehr behutsam und ohne Gruppenstress oder Leistungsdruck stattfindet. Auch dabei ist es wieder hilfreich, wenn die Eltern mitmachen, um selber in die Entspannung zu kommen und dem Kind auf diese Weise besser zur Seite stehen zu können.

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5. Aufklärung über Blase und Gehirn

Bewährt hat sich generell bei allen Formen der Enuresis eine kindgerechte Aufklärung darüber, wie Blase und Gehirn normalerweise zusammenabreiten. Dabei erfährt das Kind von einem Arzt, Therapeuten oder Berater, dass es selbst der „Chef seiner Blase“ ist und nicht umgekehrt. Es lernt bestimmte Methoden (im Dialog mit Gehirn und Blase), wie es sich die Kontrolle über seine Blase zurückerobern kann. Sehr erfolgreich wird dies in der Kombination mit Hypnotherapie praktiziert. Manche Kinderärzte haben sich in Hypnotherapie weitergebildet. Einige Hypnotherapeuten sind in (Privat-)Praxen niedergelassen. Es gibt jedoch auch Arztpraxen und Kliniken, die sich in Spezialsprechstunden (Ausscheidungssprechstunden) auf diese Aufklärung zu den Ausscheidungsvorgängen spezialisiert haben. Sich ausführlich umzuhören bringt bei diesem Thema viel.

6. Gute Aufklärungsbücher für Kinder

Es gibt sehr gute Aufklärungsbücher und Mit-Mach-Hefte für Kinder, in denen die Kinder viel zum Thema lernen und sich kreativ damit auseinandersetzen können. Diese Anregungen geben vor allem dem Kind das Gefühl, dass es etwas selber tun kann, statt nur abzuwarten, was passiert.

7. Sich Zeit für Veränderung geben

Manches was mit der Seele zu tun hat, lässt sich nicht von heut auf morgen ändern. Deshalb nimmt es für alle Druck aus der Sache, wenn keine schnellen Erfolge eingefordert werden. Es hilft eine Haltung wie diese: "Wir schaffen das zusammen und wenn es Zeit braucht, dann nehmen wir sie uns. Wir müssen aber besprechen, wie wir damit umgehen, damit wir das gut überstehen und weiter freundlich miteinander umgehen können." Aus dem Herzen gesprochen ist allein das eine hilfreiche Unterstützung für das betroffene Kind.

8. Das wählen, was zur Familie passt

Ganze Bücher füllt dieses Thema. Doch vermutlich wird trotzdem keines vollständig alles auflisten, was getan oder gelassen werden kann. Dies wird auch dadurch erschwert, dass es - wie in anderen Professionen auch - verschiedene Meinungen zu möglichem Vorgehen gibt. Wenn wir dennoch hilfreiche Impulse geben konnten und etwas Überblick über die unterschiedlichen Möglichkeiten, ist ein guter Anfang gemacht.

Beim „Maßschneidern“ für die eigenen Familie ist es vor allem wichtig zu schauen: Was passt davon zu uns Eltern und zu unserem Kind? Und: Ist uns der Mensch, zu dem wir damit gehen, neben seiner Kompetenz auch sympathisch? Denn das braucht es in jedem Fall, damit es hilfreich sein kann!  

Buchempfehlung:

In „Nasses Bett? Hilfe für Kinder, die nachts einnässen“ werden ansprechend und leicht verständlich Informationen und Anregungen für Kinder, Jugendliche und Eltern gegeben, welcher Umgang mit dem Einnässen hilfreich ist und welche fachliche Unterstützungsmöglichkeiten es für die Familie gibt.

Autorin: Marthe Kniep

 

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