Intimität (neu) lernenNach sexuellem Missbrauch: Wie finde ich zu einer positiven Einstellung zu Sexualität?

Opfer sexuellen Missbrauchs haben eine Grenzüberschreitung an Körper und Seele erlebt, die es für viele von ihnen schwer macht, eine positive Sexualität zu entwickeln oder zurückzugewinnen. Von Familientherapeutin Marthe Kniep erfährst du, welche Wege hilfreich sein können.

Inhalt
  1. Sexueller Missbrauch: Verlust von Schutz und Kontrolle
  2. Die Bedeutung sexueller Vorerfahrungen
  3. Die Folgen von Missbrauch für die Sexualität
  4. Das bedeutet Missbrauch für Partnerschaften
  5. Wie finde ich zu einer positiven Einstellung zu Sexualität (zurück)?
  6. Hier findest du Hilfe
 

Sexueller Missbrauch: Verlust von Schutz und Kontrolle

Sexueller Missbrauch bedeutet für die Opfer immer einen Verlust an Kontrolle über das Geschehen und ein Gefühl von Ausgeliefertsein an den Täter. Was der andere macht und was mit dem eigenen Körper passierte wurde fremdbestimmt. Gefühle wie Angst, Ekel oder Scham fluten den Körper noch bei der Erinnerung daran. Manche kommen im Moment der Bedrohung auch in einen Zustand der Starre und Abspaltung der Körperwahrnehmung, die auch als Dissoziation bezeichnet wird. Einige Menschen erinnern sich trotz der erlebten Gewalt an Gefühle sexueller Erregung während des Missbrauchs. Sie reagieren darauf häufig mit Selbstvorwürfen, Wut und Hass auf sich selbst, weil sie ihre Erregung als persönliche Zustimmung zum Missbrauch fehlinterpretieren.

Wer Sexualität mit solchen Erfahrungen verbindet, lernt Sex als etwas kennen, das sich falsch anfühlt, weh tut und mit Unterwerfung zu tun hat. So ist es leicht nachzuvollziehen, dass es ein langer Weg sein kann, danach zu einer positiven und selbstbestimmten Sexualität zu finden oder zurückzufinden.

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Die Bedeutung sexueller Vorerfahrungen

Wie gut Menschen das Erlebte verarbeiten können und wie leicht oder schwer sie danach zu einer sexuellen Selbstbestimmung oder sogar zu positivem sexuellen Erleben (zurück)finden, hängt unter anderem von der Schwere und Häufigkeit des Missbrauchs ab. Aber auch davon, wann er stattgefunden hat.

Es ist ein Unterschied, ob ein Kind oder Jugendlicher seine ersten sexuellen Erfahrungen durch Missbrauch gemacht hat, oder ob jemand bereits auf gute sexuelle Erlebnisse zurückblicken konnte und erst später Missbrauchsopfer wurde. Wer Sex von Anfang an als fremdbestimmt, schmerzhaft oder vermeintlichen Ausdruck von Liebe erlebt hat, wird von Beginn an in seiner sexuellen Selbstbestimmung verletzt und wird schwerer dorthin kommen, eine eigene positive Sexualität zu entwickeln. An gute Erlebnisse kann oftmals leichter wieder angeknüpft werden, weil es schon eine Erfahrung dazu gibt, was sich gut, einvernehmlich, ebenbürtig und geschützt anfühlt. Dennoch bleibt Missbrauch eine schlimme Erfahrung und wie sie im Einzelfall bewältigt werden kann, ist sehr unterschiedlich.

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Die Folgen von Missbrauch für die Sexualität

Da für die meisten Opfer der Missbrauch als traumatisch erlebt wurde, kann es in vielen Situationen durch bestimmte Auslöser dazu kommen, dass die Betroffenen sich plötzlich unfreiwillig an den Missbrauch erinnern und körperlich wieder in ähnliche Zustände geraten, wie sie sie damals beim Missbrauch erlebt haben. Solche Auslöser (Trigger) können einem ganz unerwartet begegnen. Auch in Situationen, die nicht offensichtlich mit Sex oder Gewalt zu tun haben.

Es können Gerüche, Geräusche, bestimmte Berührungen, Musik aber auch körperliche Posen oder Szenen in Filmen sein, die die alte Erfahrung „anticken“ und zur unfreiwilligen Rückerinnerung (Flashback) führen. Dass vor allem beim Geschlechtsverkehr die Gefahr von Triggern groß ist, liegt dabei auf der Hand. Das macht es für viele schwer, sich nach einem Missbrauch neuen sexuellen Erlebnissen gegenüber zu öffnen. Denn die Angst ist groß, dass die schlimmen Erinnerungen geweckt werden.

Bei dem Versuch, sich wieder auf Sexualität einzulassen, kann es zu Reaktionen wie starken Muskelverspannungen oder Schmerzen in den Genitalien kommen. Manche der betroffenen Frauen leiden unter dem sogenannten Vaginismus, bei dem sich die Scheidenmuskulatur so stark anspannt, dass ein Einführen des Penis' unmöglich wird. Andere spüren scheinbar gar nichts oder spalten das Erleben innerlich ab, als seien sie nicht wirklich dabei anwesend. All dies geschieht als eine Art Bewältigungsversuch oder auch Schutzreflex von Körper und Seele, um nie wieder etwas so Schlimmes wie den Missbrauch spüren zu müssen. Leider bleibt durch diese Art von Schutzmechanismus jedoch oft auch das positive Erleben aus.

Auch der Gegenpol ist als Bewältigungsversuch von Opfern zu beobachten, wenn sie sich immer wieder auf risikohafte oder schädigende Sexualkontakte einlassen. Dies kann bis zur Sexsucht gehen oder in manchen Fällen dazu führen, dass jemand später selbst zum Täter wird. Denn wer Sexualität von Anfang an in Verbindung mit Gewalt erlebt, für den ist dies gewissermaßen die Normalität. Für diese Menschen ist es besonders schwierig, eine Gefahr in der menschlichen und sexuellen Begegnung zu entdecken, weil die Gewalt von früher her legitimiert gewesen zu sein schien.

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Das bedeutet Missbrauch für Partnerschaften

Da natürlich trotz früherer Missbrauchserfahrungen bei nahezu jedem Menschen die Sehnsucht da ist, eine enge Beziehung oder Liebesbeziehung zu einem anderen Menschen zu führen, ist der Leidensdruck im Blick auf Partnerschaften oft besonders groß. 

Vielen Betroffenen ist die Spontaneität und die Lust abhandengekommen oder sie lehnen Gefühle der Erregung ab, weil sie diese mit der erlittenen Gewalt verknüpfen. Manche spüren „nichts“ und haben nur dem anderen zuliebe Sex, weil sie wissen, dass Partnerschaft ohne Sexualität schwer herzustellen und zu erhalten ist. Häufig entsteht ein Gefühl von Unsicherheit, Anspannung oder Angst, aus der oft ein Rückzug folgt, für den beide Partner kaum eine Lösung entdecken. Dies ist besonders dann so, wenn sich ein Partner abgelehnt fühlt, weil er nichts von dem Missbrauch weiß und die Zurückhaltung auf sich bezieht.

Ein Missbrauch muss allerdings nicht in jedem Fall dauerhaften Folgen haben, auch wenn er für alle Betroffenen mit furchtbaren Erinnerungen verbunden bleibt. Als besonders wichtig für die Bewältigung hat sich erwiesen, wie gut jemand durch seine Familie oder den Partner unterstützt wurde, aber auch, wie die zahlreichen fachlichen Angebote zur Beratung und Psychotherapie angenommen und umgesetzt werden konnten. 

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Wie finde ich zu einer positiven Einstellung zu Sexualität (zurück)?

Wie gut ein Mensch später mit der Gewalterfahrung weiterleben kann, hängt dabei von vielen Faktoren ab. Vor allem davon, in welchem Alter, wie oft und massiv die Gewalt erlebt wurde. Je schwerer die Gewalt war, desto heftiger waren oft die Reaktionen. Und weil sexueller Missbrauch ein so massives Einwirken auf Körper und Seele ist, wird er bei den meisten Menschen als Trauma verinnerlicht. Um solche Traumata verarbeiten zu können, braucht es professionelle und erfahrene Berater und Therapeuten. Dies ist für die meisten unerlässlich, weil es für die Betroffenen sehr schwer und manchmal unmöglich ist, einfach zum Alltag zurückzukehren, als sei nichts gewesen oder in der Hoffnung, dass man es eines Tages vergessen werde.

In einer Traumabehandlung oder -Therapie kann auf ganz behutsame Weise das Erlebte behandelt werden und Schritt für Schritt können Strategien entwickelt werden, wieder zu einem Gefühl von Sicherheit zu finden. Dazu gehört auch die Aufklärung darüber, wie sich ein Trauma im Alltag auswirken kann und welche Reaktionen damit in Zusammenhang stehen können. Das ist wichtig, weil viele erleben, dass sie im Alltag unvermittelt scheinbar „nicht richtig funktionieren“, was oft Ausdruck des Traumas ist, aber nicht immer als dies erkannt wird. Damit kann oft besser umgegangen werden, wenn man versteht, warum es so ist. Ein Teil der Arbeit ist auch das Erlernen eines hilfreichen Umgangs mit Triggern.   

Dies alles ist oft mit einem längeren therapeutischen Prozess verbunden, weshalb es hier besonders wichtig ist, dass Betroffene den Therapeuten sympathisch finden. Auch das Geschlecht des Therapeuten kann eine Rolle spielen. Wenn der Täter ein Mann war, suchen viele einen weiblichen Therapeuten aus und umgekehrt. Die bewusste Auswahl ist wichtig, weil sie zum Gefühl der Sicherheit im therapeutischen Prozess beiträgt.

Doch es geht bei der Verarbeitung von Missbrauchserfahrungen natürlich nicht allein um Sexualität. Das Erspürenlernen und Wahren der eigenen Grenze oder auch das Lernen, eigene Bedürfnisse zu formulieren und einzufordern, braucht in vielen Fällen ebenfalls psychologische Unterstützung. Ein Sexualtherapeut, Systemischer Therapeut, Körpertherapeut oder Psychologe, der sich auf dieses Gebiet spezialisiert hat, kann eine wichtige Unterstützung darin sein. Vor allem der Sexualtherapeut hat Methoden erlernt, wie ein Zugang zu angenehmer selbstbestimmter Sexualität möglich wird. Er kennt auch Wege, auf denen Vaginismus und andere Körperreaktionen, die auf den Missbrauch zurückzuführen sind, behandelt werden können.

Manche Kliniken bieten eine Trauma-Ambulanz an, die oftmals vor allem für akute Fälle gedacht ist. Auf langfristige Therapieplätze müssen manche Betroffene jedoch leider länger warten, weil zumindest kassenzugelassene Therapeuten in Deutschland fast alle lange Wartelisten haben. Wer die Therapie privat zahlen kann, findet oft schneller Angebote. Die passende Therapierichtung und jemanden mit Erfahrung auf diesem Gebiet zu wählen ist bei diesem Thema besonders wichtig.

Die Einbeziehung des Partners in eine Therapie ist dabei oft sehr sinnvoll, weil dieser häufig auf gewisse Weise mitbetroffen ist. Die Bedürfnisse, Ängste und Unsicherheiten beider Partner bekommen im geschützten therapeutischen Rahmen die erforderliche Aufmerksamkeit und es kann gemeinsam ein Umgang damit entwickelt werden. Beide können für sich und zusammen Wege suchen, wie sie (körperliche) Nähe herstellen können, ohne in (übermäßige) Angst- oder Unsicherheitszustände zu geraten. Für Partner und andere Angehörige kann es darüber hinaus sehr hilfreich sein, die Angebote von regionalen Beratungsstellen zu nutzen.

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Hier findest du Hilfe

In Beratungsstellen für Opfer sexueller Gewalt finden Betroffene und ihre Angehörigen Fachleute mit einem oft weitgefächerten Angebot. In der Beratung geht es darum, das akut Erlebte aufzufangen und die Betroffenen zu begleiten und zu informieren. Zum Beispiel darüber, wo sie rechtliche, medizinische oder therapeutische Hilfe bekommen. Die Angebote von Beratungsstellen sind in vielen Fällen kostenlos und oft sehr qualifiziert. Außerdem gibt es anonyme telefonische Beratungsangebote und Angebote im Netz. Wir haben einige für dich zusammengefasst.

Hilfeportal sexueller Missbrauch: Hilfe für Betroffene von sexueller Gewalt in der Kindheit, ihre Angehörigen und andere Menschen, die sie unterstützen wollen. Anonyme Beratung am Telefon.

Wildwasser e.V.: Hilfe für Kinder, Jugendliche und Erwachsene, die Opfer von sexueller Gewalt geworden sind.

Allerleihrauh: Beratung bei sexueller Gewalt an Mädchen und jungen Frauen, Prävention und Fortbildung

Weißer Ring: Hilfe für Kriminalitätsopfer. Anonyme Beratung per Telefon und E-Mail

Autorin: Marthe Kniep

 

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