EingeimpftImpfen ja oder nein? - Interview mit David Sieveking

Impfen ja oder nein? Diese Frage stellen sich immer mehr Eltern. Auch David Sieveking und seine Lebensgefährtin standen nach der Geburt ihrer ersten Tochter vor genau dieser Frage. Ein ganz persönliches Interview mit dem Dokumentarfilmer und Familienvater David Sieveking.

Soll ich mein Kind impfen oder lieber nicht? Und wenn ja, gegen was? Fragen die sich immer mehr Eltern stellen und das aus gutem Grund. David Sieveking und seiner Lebensgefährtin setzten diese Fragen so zu, dass er sich auf die Suche nach befriedigenden Antworten machte. Daraus entstand dann der Film „Eingeimpft“. Ein persönliches Interview über die Frage: Impfen ja oder nein?

 

Ein persönliches Interview mit Dokumentarfilmer David Sieveking

Kurz nach der Geburt Ihrer ersten Tochter standen Sie und ihre Lebensgefährtin vor der Frage: "Impfen ja oder nein?“ Dabei standen Sie beide zwischen der Sorge vor Krankheiten und Impfschäden. Welche Fragen wollten Sie und Ihre Lebensgefährtin für ihre Tochter geklärt haben, bevor Sie sie impfen lassen?

D.S.: Am wichtigsten war uns sicherlich die Risiko-Abwägung: Überwiegen die Risiken durch eine Krankheit, gegen die geimpft werden kann, oder die Risiken durch die Impfung. Dabei spielt natürlich die Wahrscheinlichkeit, eine Krankheit überhaupt zu bekommen, eine große Rolle. Schnell wurde uns dann bewusst, dass impfen nicht nur eine individuelle Entscheidung ist, sondern auch einen sozialen Aspekt hat, denn eine durchgeimpfte Bevölkerung lässt natürlich einige impfpräventable Krankheiten deutlich unwahrscheinlicher werden. Und natürlich war uns klar, dass die Ständige Impfkommission (STIKO) am Robert-Koch-Institut genau das Experten-Gremium ist, das Eltern bei dieser Entscheidung helfen soll. Für mich haben Impfschäden, die sehr, sehr selten vorkommen, kaum eine Rolle bei der Impfentscheidung gespielt. Dagegen aber die Frage, ob das Immunsystem meines Kindes durch eine Impfung insgesamt eher geschwächt oder gestärkt wird.

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Leute, die sich nicht impfen lassen wollen, wird oft vorgeworfen die Herdenimmunität als Trittbrettfahrer auszunutzen. Haben Sie damit in Ihrem Bekanntenkreis auch Erfahrung gemacht? Wenn ja, wie wurde auf die potenziellen Trittbrettfahrer reagiert?

D.S.: Mich ärgert es, wenn impfkritische Menschen pauschal als "asoziale Trittbrettfahrer“ abgekanzelt werden. Und ich finde es auch sehr wichtig, bei der Frage nach Herdenimmunität beim Impfen zu differenzieren, denn es betrifft bei Weitem nicht alle Impfungen. Beispielsweise ist er bei der Impfung gegen Tetanus irrelevant, es ist eine rein individuelle Entscheidung, da der Wundstarrkrampf nicht von Mensch zu Mensch übertragen werden kann. Die Masern hingegen sind hochansteckend und der Herdenschutz sehr wichtig, da die Verbreitung der Krankheit nur durch eine hohe Impfquote verhindert werden kann. Wer nicht gegen Masern immunisiert wurde, sei es durch die Impfung oder die Erkrankung selber, muss in einer Ausbruchssituation auch bedenken, dass er nicht nur sich selber infizieren, sondern auch andere anstecken kann.

Während des Masernausbruchs in Berlin 2015 haben wir die Angst und Sorge in unserem Freundeskreis stark zu spüren gekriegt. Weil wir offen über den Impfstatus unserer Tochter geredet haben, war bekannt, dass wir sie noch nicht gegen Masern geimpft hatten. Auf einmal sagte uns eine Bekannte ihren Besuch ab und andere Freunde machten Andeutungen, dass unsere Kinder nicht mehr miteinander spielen sollten. Wir fühlten uns auf einmal ausgegrenzt. Wir haben diese Sorgen dann sehr ernst genommen und schließlich guten Gewissens gegen Masern geimpft.

"Trittbrettfahrer“ ist allerdings eine Bezeichnung, die auf viele impfkritische Menschen nicht zutrifft, da sie, wenn sie etwa der anthroposophischen Sichtweise folgen, eine echte Maserninfektion einer Impfung vorziehen würden.

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Wie steht Ihre Lebensgefährtin heute zu Impfungen?

D.S.: Meine Lebensgefährtin hat grundsätzlich nichts gegen Impfungen, aber da sie selber stets sehr sensibel auf Impfungen reagiert hat, war es ihr wichtig, unsere Kinder nicht so früh wie empfohlen zu impfen und nicht gegen alles, was empfohlen wird. Vor allem meine Recherchen zu den "unspezifischen Effekte“ von Lebendimpfungen haben sie schließlich überzeugt, unsere Kinder impfen zu lassen.

Es gibt umfangreiche Forschungsergebnisse, die auch von der Weltgesundheitsorganisation anerkannt sind, die gezeigt haben, dass Lebendimpfstoffe (wie beispielsweise die Masern-Mumps-Röteln-Impfung) einen positiven Effekt auf die allgemeine Gesundheit haben. Also eine Masernimpfung nicht nur vor Masern schützt, sondern den Körper auch weniger anfällig gegenüber anderen Infektionskrankheiten macht.

Kontroverser werden hingegen die negativen Effekte der Totimpfstoffe diskutiert. Studien haben gezeigt, dass Kinder, die mit Totimpfstoffen, wie etwa gegen Tetanus-Diphtherie-Keuchhusten geimpft wurden, anfälliger für andere ansteckende Krankheiten wurde, ihr Immunsystem also – trotz einer Schutzwirkung vor den Krankheiten gegen die geimpft wurde – insgesamt geschwächt wurde.

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Was haben Sie und Ihre Lebensgefährtin für sich und Ihre Familie in Bezug auf Impfungen beschlossen? Was wird wann geimpft und warum?

D.S.: Wir haben keinen goldenen Lösungsweg gefunden und keinen festen Impfplan, sondern sind pragmatisch gewesen und offen, in Zukunft auf neue Situationen und wissenschaftliche Erkenntnisse zu reagieren. Ich möchte auch auf keinen Fall, dass unsere Impfentscheidung als Blaupause für andere herhält, aber natürlich kann unser Weg inspirieren, vielleicht eben auch dazu, es anders zu machen.

Wichtig ist ja nicht nur die Frage, was man impft, sondern auch wann man impft. Für uns flossen Überlegungen zu unserem Reiseverhalten ein, wann ein Kind in die Kita kommt und ob es gesund genug ist, geimpft zu werden. Außerdem haben wir die Vor- und Nachteile von Tot- und Lebendimpfstoffen berücksichtigt.

Für unsere Kinder haben sich als unsere individuelle "Grundimmunisierung“ die Impfungen gegen Masern-Mumps-Röteln und Tetanus-Diphtherie-Keuchhusten herauskristallisiert, wobei wir die Impfreihen der Kinder versuchen, jeweils mit einem Lebendimpfstoff abzuschließen, da die jeweils letzte verabreichte Impfung die unspezifischen Effekte auf das Immunsystem zu bestimmen scheint.

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Ein Film über die Frage: Impfen ja oder nein?
Ein Film über die Frage: Impfen ja oder nein?
Foto: Entertainmentkombinat

Was würden Sie Eltern raten, die sich in der gleichen Situation wie sie vor ein paar Jahren befinden, wie sie für sich die richtige Entscheidung treffen?

D.S.: Wenn man hier in Deutschland lebt: Ruhe bewahren, wir leben zum Glück in einem hoch entwickelten Gesundheitssystem und Infektionskrankheiten haben viel von ihrem Schrecken verloren. Trotzdem ist Impfen wichtig und sinnvoll, aber man muss sich nicht überrumpeln lassen, auch wenn Ärzte schnell Druck ausüben. Man sollte sich die Zeit nehmen, sich zu informieren und sorgfältig abzuwägen, bevor man sich später ärgert, etwas gemacht zu haben, über das man nicht Bescheid wusste und eventuell bereut.

Vor der Impfung noch einmal reflektieren: Gab es Impfschäden oder schwerwiegende Reaktionen auf Impfungen in der Familie, sind Allergien bekannt? Wichtig scheint mir dafür Sorge zu tragen, dass das Kind beim Impftermin in guter gesundheitlicher Verfassung ist. Wer keine Zeit hat, sich mit der Thematik zu beschäftigen, ist sicherlich besser beraten, die STIKO-Empfehlungen zu berücksichtigen, als dem erstbesten Rat im Internet zu folgen, wo pseudowissenschaftliche Impfgegner unverhältnismäßig stark vertreten sind.

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Haben Sie einen Tipp, wie man eine Impfdiskussion friedlich beendet?

D.S.: Muss man eine Impfdiskussion denn beenden? Wenn es zu hitzig wird, sollte man sich klar machen, dass wir gerade in Zeiten leben, wo nicht massenweise Menschen durch die Pocken oder Polio dahingerafft werden, und man übers Impfen eine gelassene Diskussion führen könnte. Ich habe gemerkt, dass in dieser Debatte meist einander gar nicht zugehört wird. Wichtig finde ich es, Verständnis für den anderen zu zeigen und nicht mit aller Kraft zu versuchen, den anderen von der eigenen Position zu überzeugen.

Für mich war es sehr bereichernd impfkritische Thesen, die ich erst intuitiv abgelehnt hatte, näher kennenzulernen. Impfbefürwortern wie Kritikern geht es um das Gleiche: Gesundheit und Schutz vor gefährlichen Krankheiten.

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Aktuell wird ja über eine Impfpflicht diskutiert. Einige Kitas haben sich sogar schon vor einer gesetzlichen Entscheidung dazu entschlossen, nur geimpfte Kinder aufzunehmen. Wie empfinden Sie diese Entwicklung?

D.S.: Ich bin fürs Impfen, aber ganz klar gegen eine Impfpflicht. Wir haben keine schlechten Impfquoten und die Möglichkeit die Menschen mit Argumenten und Impfangeboten besser zu erreichen sind bei Weitem nicht ausgeschöpft. Man sollte eher versuchen, die Leute, die sich oder ihre Kinder impfen lassen würden, aber es beispielsweise einfach vergessen haben, zu erreichen, als sich die Zähne an den paar Menschen auszubeißen, die das ablehnen.

In der Schule mit einer Impfpflicht anzusetzen, ist angesichts der Schulpflicht auch sehr schwierig. Die bisherige Gesetzeslage hat sowieso schon einen Ausschluss aus Kitas und Schulen ungeimpfter Kinder im Falle eines Ausbruchs vorgesehen. Eine Impfpflicht sorgt nur für noch mehr Spaltung in dieser polarisierten Gesellschaft. Eine moderne Demokratie sollte ihren Bürgern zutrauen, als mündige Patienten selber zu entscheiden.

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Experten befürchten überdies bei einer Impfpflicht deutlich mehr Impfschadensverfahren, also gemeldete Gesundheitsschäden, die im Zusammenhang mit einer Impfung entstanden sein könnten – nach dem Motto: Ich wollte das nicht und jetzt müsst ihr die Rechnung zahlen! Eine Pflicht könnte auch kontraproduktiv für die gesamte Impfquote sein, weil sich manche Leute denken: Na gut, dann brauch ich ja nur noch impfen, was Pflicht ist, der Rest ist wohl nicht so wichtig.

Und richtige Hardcore-Impfverweigerer erreicht man mit Zwang sowieso nicht, die finden auch einen impfkritischen Arzt, der ihnen einfach den Aufkleber in den Impfpass macht, ohne zu impfen.

 

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