LaufkolumneWarum ich den Halbmarathon nicht laufen werde – noch nicht

Seit einem halben Jahr trainiere ich für den Halbmarathon. Nun werde ich ihn nicht laufen. Wieso ich sehr lange gebraucht habe, um mir diesen Schritt einzugestehen - und warum das Training trotzdem nicht umsonst war.

Inhalt
  1. Wenn der Körper nicht mitspielt
  2. "Du willst die Verantwortung nicht selbst tragen"
  3. Was macht es mit mir, den Halbmarathon zu kippen?

In unserem Team gab es einen Trauerfall. Ein Halbmarathon ist gestorben. Genau genommen meiner. Nach einem langen Kampf bin ich gestern zu dem Entschluss gekommen, ihn zu beerdigen. Zu retten war er eigentlich schon seit Wochen nicht – aber wie das so ist, wenn er einem am Herzen liegt, lässt man ihn nur ungern gehen.

Wie alles begann: Das erste Mal auf der Kippe stand mein Halbmarathon Ende März. Wie ich in meiner damaligen Kolumne „Was ein ‚Nein‘ mit meiner Motivation macht“ berichtete, legte eine Knochenhautentzündung im Schienbein mein Training lahm. Mit der Teilnahme an der Staffel waren Frust und Schmerzen jedoch fast vergessen – und ich motivierter als je zuvor.

Dabei ignorierte ich konstant einen kleinen Fakt, den ich bereits damals verschwieg. Im Frühjahr litt ich an einer Mandelentzündung. Nach einer Woche mit der Stimme einer erotischen Telefonhotlinemitarbeiterin hielt ich die Sache für gegessen. Wäre da nicht dieses widerstandsfähige Brennen im Hals, das ich nach jedem Lauf buchstäblich hinunterschluckte. Nachwirkung, Überanstrengung – ganz normal, sagte ich mir. Und lief weiter.

 

Wenn der Körper nicht mitspielt

Jedes Mal, wenn ich wieder vollständig im Training war, wenn ich und es lief, ich schneller und ausdauernder wurde, machte meine Gesundheit mir daraufhin einen Strich durch die Rechnung. Ich wurde krank. Da Erkältungen aufgrund der erhöhten Infektanfälligkeit bei Läufern aber nicht ungewöhnlich sind, machte ich mir auch da keine Gedanken. Stattdessen wurde ich wütend. Auf meinen Körper, meine Gesundheit, die mir im Weg stand. Ich wollte doch. Wieso konnte ich nicht?

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Ich lief und lief und lief. Und wurde taub für den Rat meines Umfelds: Lass das sein. Nein. Ich hatte mir etwas vorgenommen und wollte es durchziehen. Bis ich in den Urlaub flog und nicht trainierte. Und mit einer erneuten Mandelentzündung aufwachte.

Den Rest könnt ihr euch denken: Insel-Arzt, Antibiotikum, Sportverbot. Das Aus für den Halbmarathon? Sah ich für mich immer noch nicht. Erst ein erneuter Rückfall und zwei weitere Ärzte brachten mich zur Vernunft. Einer beleidigte meine Mandeln („Die sind mittlerweile aber ganz schön hässlich!“) und drohte mit einer OP. Ein anderer appellierte an meine Vernunft: Lieber ein paar Wochen Pause – als monatelang mit einer Herzmuskelentzündung flachzuliegen. Wurden die Bakterien schon damals nicht bekämpft, könnten sie sogar für meine Beinschmerzen verantwortlich sein. Eine Mandelentzündung zu verschleppen, kann durchaus ernste Folgen haben. Das wusste ich. Nur wahrhaben wollte ich es nicht.

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"Du willst die Verantwortung nicht selbst tragen"

Die Beweislage war mittlerweile eindeutig – eingestehen wollte ich mir die Niederlage trotzdem noch nicht. Ich befragte Freunde und Familie, was ich tun sollte. Alle rieten mir vom Halbmarathon ab. Immer mehr Menschen wurden um Rat gefragt – in der verzweifelten Erwartung, einmal das zu hören, was ich wollte. Dass da doch noch ein klitzekleines Fünkchen Hoffnung war, den Halbmarathon zu laufen, der meine Freizeit des letzten halben Jahres dominiert hatte.

„Du willst, dass dir jemand die Entscheidung abnimmt, damit du nicht selbst die Verantwortung dafür tragen musst“, öffnete mir schließlich mein Freund die Augen. Er hatte Recht. Ich sagte ab.

 

Was macht es mit mir, den Halbmarathon zu kippen?

Enttäuschung. Wut auf den eigenen Körper. Scham. Trauer. Aber auch ein Stück weit Erleichterung. Seit über sechs Monaten trainiere ich nun für den Halbmarathon. Die meiste Zeit habe ich es verflucht – die Verpflichtung, der Zeitaufwand, die Anstrengung. Jetzt, wo ich nicht mehr laufe, fehlt mir das Training mehr denn je. Und ich merke, dass meine Abneigung gegenüber der 21 Kilometer eigentlich nur Angst waren. Umsonst war das Training trotzdem nicht. Denn ich habe zwei Dinge gelernt:

  1. Dass ich besser auf meinen Körper und meine Gesundheit hören muss.
  2. Dass ich die 21 Kilometer laufen möchte und werde. Für mich. Nicht dieses Jahr, aber nächstes.

Hier liest du mehr von unserer Laufkolumne, abwechselnd geschrieben von Maren, Tina und Mareike:

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